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Wenn aus Sehnsucht Abhängigkeit und Hörigkeit wird

Wenn aus Sehnsucht Abhängigkeit und Hörigkeit wird

Mit knapp 19 Jahren lernte ich meinen damaligen Ehemann kennen. Zu dieser Zeit war ich schon mehrfach vergewaltigt worden, hatte einen Klinikaufenthalt hinter mir, hab den Schleier des Missbrauchs in meiner Kindheit hochgehoben und kapiert, was eigentlich mit mir in meinem Kinderzimmer gemacht worden war, hatte sämtliche Drogen bereits ausprobiert, mindestens zwei Entzüge hinter mir, Party – und Alkohol-Exzesse überlebt, Bulimie geheilt, physische Gewalt erfahren, viele Männer bereits kennengelernt, und war immer auf der Suche, geliebt zu werden. Geliebt, einfach nur, weil es mich gibt!

Ich war innerlich so rastlos und doch so oft, wie bereits gestorben. Meine verzweifelte Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe hat mich bis dato bereits in die unglaublichsten Situationen gebracht.

Ich spielte immer die Starke, die Unnahbare, die Alleswissende, die taffe, junge Frau. Ich passte mich in kriminellen Kreisen an, in Drogen- und Party-Kreisen, überall dort, wo es laut war, wo eine Illusion von Stärke, Miteinander, Füreinander und Geborgenheit gelebt und (auch mit Gewalt) aufrechterhalten wurde. Ich selbst fühlte mich so wertlos, doch trug ich meinen Kopf oben und repräsentierte – oberflächlich – Loyalität und Kraft.

Ich war auch in anderen Kreisen unterwegs, die „anständig“ strukturiert waren, im Sinne der sogenannten Gesellschaft agierten. Ich konnte mich anpassen und lebte die Momente auch. Doch waren alle Menschen gleich in diesen Kreisen bzw. jeder musste so sein, “wie man es macht“ , „wie es sich gehört“.

Beurteilungen, Verurteilungen, Abwertungen, Bewertungen und intensivster Wettkampf prägten diese Kreise. Oberflächlichkeiten wurden über das Herz gestellt. Alles wurde als SELBSTVERSTÄNDLICH angesehen und genommen und je mehr ich gab, umso mehr wurde ich auch ausgenutzt. Dieses Verhalten nervte und zerstörte mich innerlich, da ich als MENSCH nicht gesehen wurde, ICH als Individuum.

Ich hatte schon als Kind das Gefühl, dass ich ANDERS bin. Ich wollte die Welt verändern, ich wollte als Schauspielerin berühmt werden, ich wollte Menschen helfen…Mein Umfeld, auch meine Familie, lachten über mich und meine FANTASIEN, alles wurde nieder geredet und/oder die Sätze „ du musst doch etwas Anständiges machen“,  „ du mit deinen Spinnereien“,  „du wirst schon sehen, dass das Leben nicht so einfach ist“ kamen.

Doch WAS ist denn eigentlich ANSTÄNDIG?

Ein von anderen vorgegebenes Konstrukt, das LEBEN genannt wird und „Was Alle machen“ oder “WEIL es sich so gehört“?

Oder ist ANSTÄNDIG die Entfaltung und Weiterentwicklung eines jeden Individuums, die erwartungslose Anerkennung dessen und das Entgegenbringen von bedingungsloser Liebe, die dankbare Wertschätzung seiner Selbst und seines Gegenübers?

Ich war schon ziemlich früh im Zwiespalt. Irgendwann sahen meine Zukunftsträume anders aus: Entweder werde ich Mafia-Braut oder ich gehe ins Kloster! Plus die Option, mit 40 Jahren Millionärin zu sein, diesen Wunsch behielt ich in meinem Herzen.

Ich wuchs auf mit Schuldzuweisungen und Vergleichen. Meine Eltern trennten sich kurze Zeit später, nachdem ich geboren wurde. Dies war Anlass, mir viele Jahre anhören zu müssen, dass meine Mutter „wegen mir“ ihre erste große Liebe verloren habe und einiges mehr, was sie verloren habe und nicht mehr machen könne, seitdem ich auf der Welt war.

Ich werde versuchen, nicht so stark jetzt ins Detail zu gehen, denn das Zusammenleben mit meiner Mutter würde ein weiteres Kapitel von mir bzw. ein ganzes Buch sein, doch ist einiges wichtig zu erwähnen, um den Kontext dieser jetzigen Story unterstreichen zu können. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass meine Mutter selbst ihre eigenen Themen in sich trägt und in ihrem Sein dort ist, wo sie eben ist. Aus ihrer Sicht hat sie das Beste gemacht, was für sie das Beste schien und sie kommt damit irgendwie zurecht, ob bewusst, ob unbewusst, ob Illusion, ob Realität… Sie ist, wo sie ist. Ich habe meine persönliche Konsequenz für mich gezogen und heutzutage keinen Kontakt mehr zu ihr, in keinerlei Form auf weltlicher Ebene. Da ich achtsam und liebevoll mit mir selbst jetzt umgehen kann, bewusst Grenzen ziehe und dafür Sorge, dass positive Vibes auch positiv bleiben.

Meine Kindheit war ziemlich ambivalent. Auf der einen Seite war dort die starke Mutter, die versuchte, dass ich alles erreichte, was sie für mich wünschte. Sie arbeitete auch hart, um die Mutter sein zu können, die ihr Kind in ihrem Sinne förderte und so auch gesehen wurde (sämtliches Konsumverhalten und ihr privates Treiben lasse ich jetzt mal Außen vor). Auf der anderen Seite waren Umarmungen, die ohne einen Grund entstanden, kaum in meiner Erinnerung.

Umarmungen gab es, wenn

  • Ich etwas erreicht hatte
  • Ich etwas gemacht hatte, was von mir erwartet wurde
  • Meine Mutter selbst mal wieder traurig oder unglücklich war
  • Andere es sehen konnten

Und auch manchmal, wenn ich mal weinte, doch so oft kamen dann Sprüche wie: „Stell dich nicht so an“, „Das ist doch gar nicht schlimm“, „Anderen geht es noch schlechter“, „Ein Indianerherz kennt keinen Schmerz“ und so weiter.

Ich hatte viele Ängste als Kind. Angst davor, meine Mutter auch noch zu verlieren, da ich keinen Kontakt zu meinem Vater haben sollte; Angst davor, etwas FALSCH zu machen; Angst davor, dass das Jugendamt kommt und mich wegnimmt von Zuhause; Angst vor der Dunkelheit; Angst vorm Alleinsein…

Ich lernte auch in meiner Kindheit, wenn ich mal so richtig fröhlich war und vollkommen aus mir herauskam, dass ich nicht so übertreiben solle oder bloß nicht aufhören solle, weil das, was ich erzählte, so lustig sei und meine Mutter von Herzen weiterlachen wollte.

Ich war immer so, wie ich sein sollte. Ich war immer so, wie es in den jeweiligen Momenten für Andere eben angemessen und angenehm war.

Ist etwas passiert im Außen und/oder in der Gefühlswelt meiner Mutter, war häufig ich daran schuld laut ihrer Aussage. „Wegen Dir…“ ein sehr prägender Satzbeginn für mein Leben damals und über viele Jahre hindurch.

Ich lernte zu FUNKTIONIEREN, denn tat ich dies, wurde ich ‚wertgeschätzt‘, ‚anerkannt‘ und ‚geliebt‘. Ich lernte, Angst zu bekommen, etwas FALSCH zu machen und versuchte intensiv, alles RICHTIG zu machen. Doch so oft hat es nicht gereicht. Ich wollte Frieden, doch bekam Ärger. Ich wollte geliebt werden, einfach nur, weil ich existierte, doch musste immer etwas leisten oder mich so verhalten, wie es erwartet wurde, um selbst GESEHEN zu werden und „LIEBE“ spürbar wahrnehmen zu können.

Dabei war ich vollkommen lebendig, hatte ziemlich früh meinen sogenannten „eigenen Kopf“. Ich wollte machen und sagen, was ICH SELBST wollte. Ich lernte das Lügen, um machen zu können, was ich wollte und um vor Anderen „brav“ auszusehen. Das brachte mir natürlich viel Ärger ein, da ich „aus der Reihe tanzte“.

Ich hatte schon mit sechs Jahren psychische und physische Unterstützung durch eine Heilpraktikerin. Anfangs schickte meine Mutter mich dorthin, weil ich „querschoss“ und das musste ja homöopathisch in den Griff bekommen werden. Die Heilpraktikerin fand mich vollkommen „normal“, den Umständen entsprechend angepasst. Ich ging seitdem regelmäßig und gerne zu ihr, denn ich fühlte, dass ich von ihr GESEHEN wurde. Das tat mir gut. Ich konnte bei ihr weinen, schreien, wütend werden, meine sensible Seite ohne Angst offenbaren, und auch einfach mal nur Schweigen und SEIN.

Ich suchte in der Kindheit einen „Mutterersatz“. Ich wünschte mir oft, dass diese Heilpraktikerin meine Mutter sein würde oder auch eine andere Bekannte meiner Mutter, die viele Kinder hatte und mich damals immer liebevoll behandelte. Ich rannte schon früh von Zuhause weg. Meistens zu einen der eben Genannten oder auch später zu einem Ex-Freund meiner Mutter, der mich teilweise mit großzog.

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Meine Heilpraktikerin hatte diese Situationen immer sehr diplomatisch geregelt. Doch die Versprechungen meiner Mutter hielten nie lange vor und der nächste Ärger, wie auch weitere Schuldzuweisungen waren vorprogrammiert.

Die anderen beiden Genannten waren zwar für mich da, doch meine Mutter wusste, wie sie Druck machen konnte, und anstatt MEHR Hilfe zu bekommen, musste ich immer wieder zurück zu ihr, da niemand ihren „Terror“ ertragen wollte. Ich hatte keine Wahl. Ich war ihr ausgeliefert, so glaubte ich es als Kind und junge Heranwachsende und die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung wurde zu einer Leere in mir. Ich verschloss mich auch innerlich, blockte alles ab und ließ kaum noch Gefühle an mich heran.

Als ich den ersten Kontakt mit Männern auf körperlicher Ebene hatte, war es für mich, als ob ich endlich „geliebt „wurde. Ich schlüpfte in diese Illusion, dass SEX = LIEBE war. Ich gab meinen Körper und wurde „anerkannt“, „wertgeschätzt“. Ich wurde GESEHEN. Ich nannte es LIEBE.

Mein sogenannter „RUF“ war ziemlich schnell dahin, doch mit Drogenkonsum und aufgesetzter harter Schale war alles leichter zu ertragen. Ich wurde „cool“, machte nur noch, was ich wollte, war provokant, auch verletzend und immer angetrieben innerlich von einem gigantischen Schmerz, den ich nicht sehen, und schon gar nicht fühlen wollte. Trotz all dem hatte ich immer schon ein großes Herz für andere, wollte helfen, wollte, dass es wenigstens ANDEREN gut geht und sie glücklich waren.

Ich wurde oft ausgenutzt, nutzte selbst aus, wollte doch nur gesehen und anerkannt werden, doch konnte ich an mir selbst oder an meinem Charakter nix Schönes oder Wertvolles erblicken. Oft hasste ich mich und/oder verachtete ich mich, denn in meinem Kopf war hängengeblieben, dass ich SCHULD hatte, immer, für Alles und auch für mein Leben.

Diverse weitere selbstzerstörerische Verhaltensmuster entwickelte ich, doch überspringe ich diese und andere Geschehnisse und komme nun auf meinen Exmann zu sprechen, um zu zeigen, warum es so schnell möglich sein kann, einen „ach so starken Menschen“ in einer Beziehung gefangen zu nehmen, ihn vollkommen zu manipulieren, und ihn das Gift in einer Beziehung ertragen zu lassen. Ich war ihm hörig.

Als ich ihn das erste Mal sah, war ich auf Drogen und Alkohol, kam gerade von meiner Wahlheimat Sylt nach Hamburg und war zu Besuch bei einer Kindheits-Freundin, die zu diesem Zeitpunkt bereits auf Heroin war, doch dieses noch verheimlichen konnte. Ich selbst war im absoluten Modus der Selbstzerstörung und des Sich-Treiben-lassens angekommen. Meine bisherigen Erlebnisse waren traumatisch und ich wollte nicht mehr FÜHLEN. Im Sommer hatte ich vier Tage meines Lebens verloren, nach dem mir K.O. – Tropfen in mein Getränk gemischt worden waren und ich in irgendeiner brachgelegten Kaserne mehrfach von verschiedenen Männern vergewaltigt und dabei gefilmt wurde. Die einzigen Erinnerungen, die ich noch daran hatte, waren das Stativ mit der Kamera direkt neben dem Bett, gelegentliche Sequenzen, wie ich mich duschte in einem kleinen Badezimmer mit geöffneter Tür und wie die Zimmertür wieder und wieder aufging, unterschiedliche Gesichter auf mich zukamen und/oder über mir waren. Jedes Mal, wenn ich wieder ein wenig klarer wurde, gab man mir etwas zu trinken und der nächste Riss entstand.

Außerdem hatte ich in diesem Jahr meine erste wirklich große Liebe verloren, einen Zivilpolizisten, der Undercover auf Sylt arbeitete und ich sein Spielzeug in dieser Zeit war, so kam ich mir vor. Doch war er wundervoll. Ich konnte an seiner Seite mit den Drogen aufhören, wurde geschätzt, wie ich war, wir lachten und unterhielten uns viel und er gab mir das Gefühl von Geborgenheit und endlich LIEBE. So empfand ich es. Offiziell machte er ein Volontariat bei einer Zeitung und ich ahnte nicht, dass alles nur eine Show war, bis er plötzlich weg war und andere verhaftet, von heute auf Morgen.

Ich ging in die Aufgabe, in die Selbstaufgabe. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr weitermachen zu können im Leben, denn so viel Leid und Schmerz und Traurigkeit und Ohnmacht hatten sich bereits in mein Herz gegraben.

Und dann stand ER da! Ich vollkommen high, völlig aus der Bahn geworfen, orientierungslos im Leben, mit meiner ständigen Sehnsucht im Kopf und im Herzen. Er, an einer Disko Tür mit anderen Türstehern und lächelte mich an, mit seinen dunklen, arabischen Augen. Er war größer als ich und repräsentierte Stärke und Macht, durch sein Verhalten, seine Gestiken und durch das respektvolle Verhalten anderer ihm gegenüber. Er scherzte und lachte mit mir, ich fühlte mich GESEHEN und beachtet. Er hätte tausend andere Frauen an diesem Abend nehmen können, so sagte ich mir, doch er entschied sich für MICH! Das tat mir gut und mein Drogenrausch unterstrich dieses Gefühl.

Wir blieben drei Tage und Nächte zusammen. Ich lernte seine „Freunde“ kennen und diverses Anderes. Ich kannte den Kiez seit meinem 15.Lebensjahr, doch mit IHM war alles anders….

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