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Ab ins Ausland – Wie ich mich in Amerika komplett neu erfand

Ab ins Ausland – Wie ich mich in Amerika komplett neu erfand

Ich bin dann mal im Ausland

Ob mein Verlangen zu Reisen und das Leben im Ausland kennenzulernen, damit zu tun hat, dass ich in der ehemaligen DDR geboren wurde? Ich kann es gar nicht sagen. Denn gefühlt war meine Familie immer mit mir unterwegs. Eben nicht im Ausland, aber es ging eben immer zur Ostsee. Also wirklich immer.

Aber als Kind fand ich das schön und dass es darüber hinaus nicht viele Reiseziele ins Ausland für uns Ostler gab, war mir gar nicht bewusst.

Als die Mauer fiel, war ich neun Jahre alt. Und ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Meine Mama war im Bad, machte sich die Haare schön und ich saß auf dem Rand der Badewanne und schaute ihr dabei zu. Und sie sagte mir ganz aufgeregt: „Denise, die Mauer ist gefallen.“ Und ich dachte, sie meinte die Mauer zwischen unserem Grundstück und dem der Nachbarn. Und ich wurde genauso aufgeregt wie sie. Denn nun konnte ich viel leichter zum Nachbargrundstück kommen und spielen. Denn die Nachbarn hatten eine Schaukel. Wir hatten keine.

 

Als Teenager allein in England

Jedenfalls dauerte es nicht mehr lange und mit 14 Jahren reiste ich das erste Mal alleine ins Ausland. Mit dem Bus ging es nach England auf eine dreiwöchige Sprachreise. Andere Kinder hatten schon während der Busfahrt Heimweh. Ich war einfach nur voller Vorfreude. Und selbst als die erste Gastfamilie furchtbar war, steckte ich nicht den Kopf in den Sand, sondern organisierte mir eine neue. Da habe ich nicht klagend bei Mami angerufen. Das nahm ich einfach selbst in die Hand.
Da die Reise so toll war, bestand ich darauf, dass es im nächsten Jahr noch einmal nach England gehen musste und mit 16 ging es dann nach Malta. Schließlich brauchte ich mal ein neues kulturelles Highlight (Disco nannte man das damals). Auch hier keine Spur von Heimweh, sondern eher Gezeter, als ich wieder nach Hause zurück musste.

 

High School in USA

Noch ein Jahr später wollte ich dann unbedingt nach Amerika für ein High School Jahr. Nur weg aus Deutschland. Weg von all dem Mief und dem eingefahrenen Leben, das für alle anderen so normal zu sein schien und für mich einfach nur einengend und nervig war. Die Mauer war gefallen. Im Außen vielleicht. In den Köpfen gab es noch ganz andere Mauern.

Und ich kam nach Amerika – in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und merkte, hier gab es keine Vorurteile, wie komisch angeschaut zu werden, wenn ich nicht dem Mainstream folgte, hier gab es freie Entfaltung (ich liebte das amerikanische Schulsystem und kann bis heute nicht verstehen, wie man das schlechtreden kann – insbesondere Menschen, die noch nie dort waren) und ich bemerkte damals schon, wie ich ein ganz anderer Mensch wurde. Beziehungsweise, wie ich zu dem Menschen wurde, der eigentlich in mir schlummerte und immer wieder heraus wollte und bisher nicht konnte. Auf einmal durfte die kreative Seite in mir zum Vorschein kommen. Hier in Amerika probierte ich mich aus: ich stand im Theater auf der Bühne, ich war Mitglied eines Show Chors, ich ging campen (für mich eine absolute Komfortzonenerweiterung) und habe Freundschaften gefunden, die selbst heute, 20 Jahre später, noch halten.

 

Deutschland – das Land der begrenzten Möglichkeiten

Zurück in Deutschland begann ich, mich fast wieder zu verlieren. Mich wieder anzupassen an dieses „Das macht man doch so.“ Und doch ist mir etwas geblieben, das ich in den USA gelernt habe: Dass ich eine ausgeprägte Intuition besitze und nur auf mein Bauchgefühl hören soll, statt alles kaputtzudenken, wie ich es in Deutschland gewohnt war. Dann wird schon alles seinen richtigen Weg gehen. Und ja, genau das habe ich in den wichtigsten Lebensentscheidungen immer getan.

Sei es nach dem Abitur, als es hieß: „Was willst du denn werden?“ Und ich: „Ähm…was Cooles.“ Also bewarb ich mich auf etwas „Sicheres“ zu einer Lehre bei der Bank. Da ich da nie wirklich hin wollte, habe ich schon beim Accessment Center die unsympathischste Seite an mir herausgekehrt, dem Personalchef gesagt, dass ich in fünf Jahren auf seiner Seite des Schreibtisches sitzen werde und dass er, wenn er kein Latein kann, sowieso gleich in die Versenkung gehen kann. Und dann haben die mich genommen! Als der Ausbildungsvertrag nach Hause geflattert kam, war mir übel. Ich wollte dort einfach nicht hin. Alternativen hatte ich keine, denn ich wollte ja nur „was Cooles“ werden, aber was das genau war, keine Ahnung. Ich hatte den Stift in der Hand und konnte diesen Vertrag einfach nicht unterschreiben. Es ging einfach nicht. Also rief ich bei der Bank an und sagte ab.

 

Was soll ich nur studieren? – Irgendwas Cooles. Irgendwas mit Amerika. Irgendwas womit ich ins Ausland kann.

„Mach ich eben Jura.“, dachte ich mir und fuhr zur Uni nach Berlin. Dort sah ich ein Plakat, das all die vielen Studiengänge anzeigte, die die Uni zu bieten hatte und da gab es einen Studiengang, der weltweit nur einmal angeboten wird. Eben an dieser Uni und das waren Nordamerikastudien. Gefühlt wurde der Tag in diesem Moment etwas heller und ich schrieb mich dafür und für Neuere Deutsche Philologie ein.
„Was wird man denn damit?“ wollten meine Eltern wissen. Und ich antwortete: „Keine Ahnung. Irgendwas Cooles.“
Ich liebte dieses Studium, denn es holte nicht nur meine Liebe zu Amerika ab, sondern auch meine Liebe zur Literatur und Kultur wurde mit abgedeckt. Nebenbei jobbte ich am Flughafen in Berlin und sparte jeden Euro, um in den Semesterferien zurück in die USA zu fliegen.

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Schließlich landete ich nach dem Studium in einem international arbeitenden Unternehmen in der Personalentwicklung als Trainerin. Auch hier zog mich meine Liebe ins Ausland zu dem Angebot.
Wie ich zu dem Job kam? Nun, als ich im Bewerbungsgespräch gefragt wurde: „Inwiefern sind Sie denn geeignet für diesen Job?“, war meine Antwort: „Im Grunde gar nicht. Aber ich habe so richtig Bock drauf und wenn Ihre Firme irgendwann einmal nach Amerika expandiert, dann möchte ich mitgehen.“ Und zack, ich wurde eingestellt und begleitete die Firma in ihrem internationalen Aufbau. Kurz bevor ich sie dann verließ, hatten sie in der Tat den Sprung in die USA geschafft.

Doch warum bin ich nicht dort geblieben? Ich mochte die Reisetätigkeit in meinem Job, ich liebte es, das Leben im Ausland kennenzulernen (auch wenn die Reiseziele nicht immer so geil waren wie Sydney oder Kuala Lumpur). Das Gehalt war großzügig und die Kollegen waren mehr als nett. Doch all das konnte mich nicht darüber hinweg täuschen, dass ich mich innerlich leer fühlte. Dass ich nicht das Gefühl hatte, einen wirklichen Mehrwert zu bieten. Menschen wirklich in ihre Größe zu bringen. Und wenn ich mit Freunden über diese Thematik sprach, wurde ich nicht ernst genommen. „Was willst du denn noch?“, „Nun stell dich nicht so an.“, „Dein Job ist doch toll.“ bekam ich dann zu hören und fühlte mich innerlich immer einsamer und einmal mehr gefangen in einer Mauer aus Gedanken, die andere mir einpflanzen wollten, die aber nicht meine waren.

 

Wenn das Leben so ist wie ein altes Lieblingskleid

Und dann kam der Tag der Tage, an dem ich mich nicht mehr länger selbst verraten konnte. Ich, die immer gesund war, wurde krank. Ich wurde als Hypochonder abgestempelt (mit 39,9° Fieber und Halluzinationen), nur weil die Ärzte nicht wussten, was ich hatte. Ich fühlte mich das erste Mal in meinem Leben so klein, so verletzlich und noch wertloser als ohnehin schon. Und auch als ich genesen war, kränkelte ich weiter vor mich hin. Das war der Moment, in dem ich mich nicht länger selbst verraten wollte. Ich kündigte meinen Job und machte mich selbständig als Coach für Menschen, denen es so geht wie mir: Wenn das Leben einem vorkommt wie ein altes Lieblingskleid. Es hat mal wunderbar gepasst, doch nun ist es unmodern geworden und man möchte es nicht mehr anziehen. Und wie viele wissen, was sie nicht mehr wollen, doch wohin soll es gehen? Und viel wichtiger noch: Was ist, wenn mich niemand ernst nimmt mit meinen Sorgen und Gedanken, weil mein Leben so perfekt aussieht nach außen hin?

Während ich meine Geschichte mit dir teile und beim Schreiben innerlich mitlese, fällt mir auf, dass sich alles, was ich hier schreibe, so leicht runter schreibt. Ganz so, als wäre alles so reibungslos verlaufen. Und ja, ich gehöre schon eher zu den Sonnenkindern dieses Planeten. Mir fällt sehr viel sehr leicht. Doch die Angst, die Komfortzone zu verlassen, die kenne ich auch. Bei jedem einzelnen Schritt in meinem Leben war diese Angst dabei und hat mich begleitet. Bis ich dann den Schritt gewagt habe und im Nachhinein sagen konnte: „War ja gar nicht so schlimm und es hat sich sowas von gelohnt.“

Jemand sagte mir mal, dass es mit jeder Komfortzonenerweiterung leichter werden würde…nun, das kann ich so nicht bestätigen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich älter werde. Gefühlt war der Schritt mit 14 Jahren ganz allein ins Ausland zu gehen und dort niemanden zu kennen, ganz einfach gegangen. Jetzt, mit 38, fallen mir diese lebensverändernden Entscheidungen sehr viel schwerer. Da kommt der Sicherheitsgedanke immer wieder hoch. Und doch, ich gehe weiter und mache Dinge, die bold sind und für Außenstehende nicht immer Sinn ergeben.

So wachte ich eines Tages auf und wusste, ich muss in die Hamptons! Sofort und lange. Und nach vielen Dramen, Heulattacken und Panik habe ich all mein Geld auf eine Karte gesetzt und düse nun dieses Frühjahr ab in die Hamptons. Zurück in das Land, in dem ich mein Herz verloren habe. Was ich dort mache? Mich selbst finden. Meine Freiheit leben und einen Neuanfang in meinem Leben starten…noch einen.

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