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Gefangen im Körper einer 50-jährigen

Gefangen im Körper einer 50-jährigen

krankheit als chance - the bold woman

Gefangen im Körper einer 50-jährigen

 

Krankheiten als Chance zu begreifen und auch wertzuschätzen hört sich schwer an und es ist auch nicht einfach. Ein Krankheitsverlauf, wie ich ihn hatte, zwingt einen fast dazu.

Meine Geschichte beginnt tief in mir drin – in meinem Inneren, in dem, was ich schon immer sein wollte und mich niemals traute, auch voll und ganz zu sein. Lange habe ich nach meinem eigenen Weg gesucht – habe ihn immer überall anders versucht, zu finden, jedoch nie in mir drin – bis ich durch das Schicksal und das Leben lernte, wieder zurück zu mir selbst, meinem Weg und meinem Warum im Leben zu finden.

Ich heiße Leona, ich bin 29 Jahre alt und hauptberuflich als Tierärztin mit dem Schwerpunkt Großtiere (Rinder & Pferde) tätig. Ich bin aufgewachsen mit der Freiheit, jeden Tag in Kontakt mit den Tieren und der Natur verbringen zu dürfen und habe dadurch eine tiefe, innere Heimat und Glauben entwickeln können, die mich bis heute begleiten und mich auch in den schwersten Lebensphasen nie verlassen haben.

 

Als Jugendliche plötzlich Magersucht

Als Jugendliche erkrankte ich schon früh an einer Essstörung – der Anorexia nervosa, Magersucht. Über Jahre hinweg quälte ich mich und meinen Körper, unterwarf mich einem fremdbestimmten Ideal und ertränkte meine Gefühle und mein wahres Sein in dieser Erkrankung. Ich hungerte mich nicht nur in den körperlichen Abgrund, sondern wurde auch psychisch so schwach wie nie zuvor. Es war ein langer und kräftezehrender Kampf, aus dieser Erkrankung einen Ausweg zu finden.

Doch habe ich mich damals – früh genug – dazu entschlossen, diesen Kampf anzugehen und mein Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen, anstatt es weiter von dieser Sucht bestimmen zu lassen. Immer wieder ging es auf diesem Weg einen Schritt vorwärts und daraufhin fünf Schritte zurück – über Jahre hinweg. Doch ich ging weiter, immer weiter – gab niemals auf und holte mir langsam, Stück für Stück, mein wahres Leben wieder zurück.

Auch wenn die Erkrankung einen niemals mehr im Leben vollständig verlässt, bin ich stolz darauf, heute sagen zu können, mein Leben wieder selbstbestimmt, erfüllt und glücklich leben zu können. Frei von meinem Körpergewicht, meinen Maßen, einem strikten Ernährungsplan & dem, was ich scheinbar darstellen muss, um glücklich sein zu dürfen.

 

Mit Anfang 20 vorzeitige Wechseljahre

Nachfolgend wurde in einer Zeit, in der ich endlich wieder glücklich und „angekommen“ war – ich war gerade Anfang 20 und mitten in meinem Tiermedizinstudium – bei mir die Erkrankung „POF“ diagnostiziert, das bedeutet „Premature ovarian failure“ oder auch Klimakterium praecox genannt – vorzeitige Wechseljahre. Ich musste lernen, zu verstehen, dass mein Körper sich im Stadium einer 50-jährigen, älteren Frau befand – und musste lernen, damit umzugehen, dass ich schon früh gewisse Pläne bezüglich einer „normalen“ Lebens- & Familienplanung für mich ad acta legen musste. Weniger die Tatsache, sehr wahrscheinlich keine eigenen Kinder bekommen zu können, als mehr der Fakt, sich nicht ganz „Frau“ zu fühlen, nicht zu „funktionieren“, machte mir schwer zu schaffen. In den Jahren danach lernte ich, mit dieser Tatsache umzugehen, sie zu akzeptieren, anzunehmen, mit ihr zu leben. Meine Beziehung zerbrach im Folgenden – doch ich tat es nicht. Ich lernte auch hier wieder aufs Neue, mich selbst anzunehmen. Zu akzeptieren, zu vertrauen. Die Lösung zu suchen, statt verzweifelt den Sinn finden zu wollen.

Als Folgeerkrankung dieser Hormonstoffwechselstörung entwickelte sich zusätzlich eine frühzeitige Osteoporose (eine Knochenstoffwechselstörung, geprägt durch eine zu geringe Knochendichte durch ein Missverhältnis zwischen Knochenauf- & -abbau). Durch den lange unentdeckt gebliebenen Hormonmangel fehlte es an Knochendichte – denn Östrogen & Progesteron sind in jungen Jahren essentiell am Aufbau eines guten Knochenstatus beteiligt.

Nach einer ersten Ermüdungsfraktur des Mittelfußknochens im März 2019 ergab eine neue Knochendichtemessung eine Verschlechterung der Werte – nun geprägt durch eine definitive Osteoporose der Lendenwirbelsäule.

Für einen bewegungsliebenden Menschen mit einem unglaublichen Freiheitsdrang wie mich, kommt dies einem Todesurteil gleich. Nicht zu wissen, wie lange meine Wirbelsäule noch allen Belastungen standhalten kann – es ist schier unglaublich, zu verstehen und zu ertragen.

Als Ultrasportlerin, Reiseliebende, Freiheitsmensch und Kreativkopf brauche ich das Unterwegs – & Draußensein für mich, um mental & physisch zu überleben.

Das Leben scheint mir erneut wieder eine Tür zu verschließen – doch ich öffne hier nun einfach eine neue. Wieder suche ich die Lösung, statt nach dem Sinn zu suchen und ich öffne nun eine Tür, durch die ich nun hindurchgehen werde und die ich – hätte ich nicht all das erfahren müssen – vielleicht viel zu spät im Leben registriert und wahrgenommen hätte.

Ich öffne die Tür dazu, mich wirklich, allem Risiko zum Trotz, zu lieben und selbst zu verwirklichen.

Meine Herzensprojekte, die ich vor Jahren im Kleinen angefangen habe – ich möchte und werde sie endlich groß werden lassen, um das zu teilen, was mir wirklich am Herzen liegt.

Nachdem ich mich fast sechs Jahre durch ein Studium geackert habe, in dem ich nicht meine wahre Berufung fand, fasste ich vor einem Jahr den Entschluss, eine Ausbildung zum Coach zu beginnen.

Diese endet bald und somit ist der Weg frei für all meine Ideen, Herzensprojekte & Visionen. Denn ich glaube daran, dass jeder Mensch dazu fähig ist, seine Potentiale im Leben zu entdecken und sie zu leben! Ich glaube daran, dass wir alle selbstbestimmt und erfüllt leben können, wir unser Warum im Leben und unsere innere Heimat wieder entdecken können.

Mit der Veröffentlichung meines ersten Buches ist der erste Schritt getan und es werden viele weitere folgen. Ich habe gelernt, gut zu mir zu sein. Mich anzunehmen, mein Leben zu leben. Wann immer ich auf dem falschen Weg war – das Schicksal hat mich wieder zurück manövriert. Wann immer ich mich wieder über alle Grenzen selbst überfordert habe – mein Körper hat mir Grenzen gesetzt. Grenzen beispielsweise in Form einer autoimmunbedingten, peripheren Nervenentzündung, dem Guillian-Barré-Syndrom, die ich vor zwei Jahren während einer akut-chronischen Stressphase in meinem damaligen, alten Job erlitt. Grenzen, in der mein Körper mich selbst lahm legen wollte. Er laut „Stopp!“ rief. Und mir dabei wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Grenzen, die mir immer wieder gezeigt haben, dass ich es mir wert bin, wieder von mir selbst gehört zu werden.

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All meine Erfahrungen, meine Geschichte, mein Sein und Werden – haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Haben mich gelehrt, dass ich durchaus den Mut haben darf, ich selbst zu sein. Dass ich mir selbst genug bin, so wie ich nun mal bin und schon immer war.

Ich musste und durfte lernen, einfach ich selbst zu sein. Und erfuhr dadurch, dass dieses wahre Ich soviel wertvoller ist, als das, was ich eigentlich immer sein wollte. Wann immer ich von meinem Weg abkam, hat mich das Schicksal wieder genau dorthin geführt, wo ich scheinbar wirklich hingehöre. All diese Erfahrungen, Erkenntnisse, die innere Zufriedenheit, die ich dadurch geschenkt bekommen habe – ich möchte all das an mein Umfeld und meine Mitmenschen weitergeben.

Meine Vision ist, dass jeder Mensch zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben fähig ist. Dass jeder Mensch sich selbst und seine innere Heimat wiederfinden kann – egal wann und egal wie.

Als Buchautorin und Coach gehe ich nun, Schritt für Schritt, meinen Weg in die Selbstständigkeit, um damit Menschen zu helfen, ihren Traum von einem erfüllteren Leben endlich wahr machen zu können. Ich möchte sie dabei unterstützen, ihre wahren Potentiale und ihr Warum im Leben wieder zu entdecken und umsetzen zu können. Ich möchte ihnen helfen, ihre innere Heimat wiederzufinden – mit allen Konsequenzen. Diese Vision verknüpfe ich eng mit dem Prinzip des Naturcoachings – denn nur draußen in der Natur, allein mit uns und fern von allen äußeren Einflüssen, können wir wieder zu uns selbst finden. Mein Herz spricht hier aus eigener Erfahrung. 

Mein Herzensthema richtet sich vor allem auch an die, die ebenfalls an einer chronischen Erkrankung leiden – ich sage euch: ihr seid nicht die Krankheit, ihr seid mehr! Ihr seid immer mehr und euer Leben ist es wert, gelebt zu werden, ohne die Grenzen, die euch die Krankheit zu setzen vermag.

Diese Worte sind meine Geschichte – ein Teil meiner Geschichte. Ein großer Teil vor allem aber meines Warums, ein großer Teil, der vielleicht, wenn er geteilt wird, auch anderen Menschen Mut geben kann, für ihr Leben einzustehen und zu kämpfen – koste es, was es wolle.

 

 

 

Leona Kringe, geboren 1990 in Bad Berleburg, lebt und arbeitet als Tierärztin in Freiburg, inmitten des schönen Dreiländerecks im Süden Deutschlands. So oft es geht, zieht es sie nicht nur in die Ferne, sondern auch zurück in ihre Heimat – nach Wittgenstein, im Herzen des Rothaargebirges gelegen. 

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