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Wie meine 45 Jahre mit Migräne mich zu der machten, die ich heute bin.

Wie meine 45 Jahre mit Migräne mich zu der machten, die ich heute bin.

Migräne - meine Begleiterin ein Leben lang - The Bold Woman

Wie meine 45 Jahre als Migränepatientin mich zu der machten, die ich heute bin.

Meinen ersten Migräneanfall hatte ich schon als 5-Jährige. Wobei die Migräne als solche nicht erkannt wurde, da sie ohne Schmerzen verlief. Vor einem Anfall war ich extrem geruchs-, licht- und geräuschempfindlich, dann kamen die Aura und die Übelkeit mit schwallartigem Erbrechen. Nach diesem Erbrechen stellte sich eine bleierne Müdigkeit ein und ich musste schlafen.

Exkurs: Eine Aura ist ein neurologisches Symptom, bei dem sich eine Visusverengung mit typischen gezackten Lichtränder einstellen. Viele Migräne-Patienten haben dieses neurologische Zeichen vor einer Attacke.

Obwohl meine Mutter, meine Oma und meine Tante an Migräne litten, wurde weder von meiner Familie noch vom Hausarzt ein Zusammenhang hergestellt. Der Hausarzt legte meinen Eltern sogar nahe, dass ich simuliere, weil ich nicht essen wolle. Das führte dazu, dass ich für jedes Übergeben ausgeschimpft wurde, was die Situation nicht besser gemacht hat.

Meinen ersten Migräneanfall mit Schmerz hatte ich dann mit zwölf Jahren. Die Migräne begleitete mich bis zu meinem fünfzigsten Lebensjahr.

Hilflosigkeit auf allen Seiten

Mit 13 bekam ich mein erstes Ergotamin-Präparat (Mutterkornalkaloid) und bald darauf Morphin. Als Kind hinterfragt man das nicht, denn man hat nur das Ziel, schmerzfrei zu sein. Von uns Kindern wurde sehr viel verlangt und wir mussten funktionieren. Mein Vater war selbständig und meine Mutter bei ihm im Büro tätig. Da meine Mutter selber an Migräne litt und deshalb häufig ausfiel, mussten meine Schwester und ich viele Aufgaben im Haushalt, Garten und der Pflege der Großeltern übernehmen. Krankheit wurde bei mir, dem ältesten Kind, nicht als „Ausrede“ akzeptiert. Es kam deshalb häufig vor, dass ich neben der Schule für meine Familie kochen, waschen und bügeln musste.

Ab meinem 13. Lebensjahr war ich in großen Teilen für die Wäsche und fürs Kochen zuständig. Arbeiten und Leistung waren hoch angesehen, lesen und lernen nicht. Dennoch war ich extrem ehrgeizig und eine Leseratte. Nach drei Jahren in der Mittelstufe hatte ich schon jedes Buch der Schulbibliothek ausgeliehen und gelesen. Meine Migräne wurde unter dieser Belastung immer schlimmer, was immer größere Mengen an Schmerzmitteln bedeutete.

Studium

Trotz großem Widerstand machte ich Abitur und begann ein naturwissenschaftliches Doppelstudium. Da ich für Haushalt und Erziehung meines 14 Jahre jüngeren Bruder verantwortlich war, blieb ich zuhause wohnen. Die Belastung führte zu einem halben Jahr Dauermigräne und zu dem Wunsch, sterben zu wollen und das im Alter von Anfang zwanzig.

Als Glückskind begegnete mir in dieser Zeit Prof. Herget, der eine Schmerzambulanz leitete. Ich bin heute noch von Herzen dankbar für seine Hilfe. Er war der erste Arzt, der meine Schmerzen ernst nahm und mir eine Perspektive aufzeigte, in der ich ermächtigt wurde, an meiner Situation etwas zu verändern. Mit seiner Hilfe erkannte ich, dass ich eine Schmerzmittelabhängigkeit entwickelt hatte, die zu einem Teil der Schmerzproblematik geworden war. Der Fachbegriff für dieses Phänomen ist medikamenteninduzierter Kopfschmerz. Die einzige Behandlungsmöglichkeit besteht im Absetzen der entsprechenden Medikamente.

Ein Missverständnis führte dazu, dass ich selbständig sämtliche Medikamente absetzte und einen schlimmen Entzug durchstand. Seit dieser Zeit nehme ich keinerlei Schmerzmittel mehr. Dann folgten die erste Entgiftungstherapie, Hyperthermie und Akupunktur. Meine Migräne verbesserte sich deutlich auf drei Tage in der Woche. Damit konnte ich besser leben.

Migräne ist eine Art von Kopfschmerz, der zu den stärksten neurologischen Schmerzen überhaupt zählt. Migräne ist nicht mit anderen Kopfschmerzen zu vergleichen. Der Schmerz ist einseitig, bei mir wechselte er täglich die Seite, was die Therapie deutlich erschwert, da die Therapiekonzepte sehr schlecht greifen. Da sie mit Begleiterscheinungen wie Übelkeit, schwallartigem Erbrechen, geschärften Sinneseindrücken (Licht-, Lärm- und Geruchsüberempfindlichkeit) einhergeht, ist nicht nur der Kopf, sondern der gesamte Körper in Mitleidenschaft gezogen. Ein Anfall schwächt den Körper extrem. Ein starkes Erschöpfungsgefühl, Abgeschlagenheit und Müdigkeit sowie eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit können noch bis zu zwei Tage nach dem Höhepunkt der Attacke zu Beeinträchtigungen führen. Ich wundere mich noch heute, wie es mir gelungen ist, dennoch ein Doppelstudium und die Ansprüche meiner Familie zu bewältigen.

Mein Gehirn ist für mich mein wichtigstes Organ. Ich bin ein Kopfmensch. Mit vier Jahren konnte ich lesen ohne, dass es mir jemand beigebracht hätte. Lesen gehörte seitdem zu meinen liebsten Beschäftigungen neben Lernen. Denken ist mein größtes Abenteuer, mein Glück, meine Freude und meine Zuflucht. Dennoch, ich, die im Kopf lebte, wurde regelmäßig aufgrund dieses unerträglichen Schmerzes in die Ruhe gezwungen. Wobei mein Gehirn während eines Migräneanfalls sogar noch aktiver in seinen Denkprozessen und im Erzeugen von Bildern war. Trotz der Migräne arbeitete ich immer und gönnte mir so gut wie nie eine Ruhepause.

Die Therapie bei Prof. Herget war für meine spätere Entscheidung, Heilpraktikerin zu werden, ausschlaggebend. Ich begann, neue Wege für mich zu suchen. Erlernte an der Uni Akupunktur, Yoga, Ernährungstherapie, Chiropraktik etc.… Alles, ohne dem Ziel im Auge, dies einmal zu meinem Beruf zu machen.

Ich beendete mein Studium und wurde in Mikrobiologie und Biochemie promoviert. Meine Promotion wurde von dem damaligen Pharmariesen Ciba Geigy (heute Novartis) finanziert, so dass ich häufig in Basel im Labor arbeitete. Blauäugig wie ich war, hoffte ich, dort einen tieferen Einblick in die Medikamentenforschung zu erhalten. Die erhielt ich auch, aber in einer desillusionierenden Art und Weise. Mir war natürlich klar, dass eine Pharmafirma Profit machen will und muss, dennoch hatte ich ein Bild von Forschern vor Augen, die zum Wohle aller Medikamente entwickeln und damit viel Geld verdienen. So wollte ich sein, dienen und gleichzeitig Karriere machen. Die Realität war anders. Medikamente sollten wirken, aber nicht unbedingt den Kranken heilen. Sogenannte akzeptable Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen waren erfreulich, da sie eine Möglichkeit für eine weitere Therapie boten.

Das Angebot, weiter in der Forschung dort zu arbeiten, lehnte ich dann auch ab, auch wenn es finanziell sehr lukrativ gewesen wäre. Ein Einstiegsgehalt von 400.000 DM war natürlich verlockend, aber meine Sicht auf die Welt war mit der Philosophie der Firma nicht wirklich kompatibel. Nicht falsch verstehen, ich bin kein Pharmagegner, wo wären wir ohne, ich mag es auch, viel Geld zu verdienen, doch da gibt es noch etwas viel wichtigeres, das mich antreibt, nämlich mit meinem geballten Wissen den Menschen zu dienen.

Zurück in Deutschland war ich 30 Jahre alt und arbeitslos. Als Frau Anfang der 90er war ich vollkommen überqualifiziert. Ich erinnere mich an ein Vorstellungsgespräch bei dem vier Männer in dunklen Anzügen mir sofort mitteilten, dass ich die Stelle nicht bekommen würde, da sie den Männern in der Firma keine Frau vor die Nase setzen könnten. Auf die Frage, warum sie mich dann zum Gespräch eingeladen hätten, lachte einer und meinte, dass Sie eine solche Frau mit außergewöhnlichem Lebenslauf und top Noten einmal live und in Farbe sehen wollten. Man habe gewettet, ich sei hässlich. Ich stand daraufhin auf und verlies grußlos den Raum.

Ich nahm das Angebot meines heutigen Mannes an und stieg in sein Systemhaus mit ein. Ein Systemhaus ist ein Unternehmen der Informationstechnologie-Branche, das nicht nur Softwareprodukte oder Hardware anbietet, sondern Softwaresysteme zusammen mit der erforderlichen Hardware, also betriebsfertige IT-Komplettlösungen. Ohne den Hauch einer Ahnung, was ich dort tun würde. Ich betreute dann zehn Jahre lang sämtliche Kunden, war für die Akquise, den Einkauf und die Schulungen zuständig. Obwohl ich keinerlei Grundkenntnisse mitbrachte, entdeckte ich so durch eine Laune des Lebens weitere meiner Talente und Stärken.

Ich hatte große Freude an dieser Arbeit.

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Migräne war meine Begleiterin auf all meinen Wegen und sie erinnerte mich schmerzhaft daran, dass ich Grenzen hatte, die ich aber nicht respektierte. Immer, wenn ich diese überschritt, holte die Lehrmeisterin mich unerbittlich zurück.

Dann, nach zehn Jahren, machte ich meine Prüfung als Heilpraktikerin und eröffnete meine Praxis, die sofort gut lief. Viele Jahre arbeitete ich hauptsächlich mit Schmerzpatienten. Viele Ausbildungen, auch im psychologischen Bereich, brachten mich immer näher zu mir selbst. Alle meine Therapiemaßnahmen brachten Verbesserungen in meiner Schmerzkarriere mit sich. Die Schmerzintervalle wurden länger, die Migräne war meist ohne Aura und erbrechen musste ich nur bei besonders heftigen Anfällen. Aber die erlernten Muster, die Bedürfnisse Anderer über meine eigenen zu stellen, stellten nun eine fast unüberwindliche Hürde für mich dar. Der Schmerz des Patienten war für mich immer wichtiger als mein eigener. Bis ich eines Tages die Wut in mir entdeckte. Zuerst dachte ich, die Wut richte sich auf die „unverschämten“ Patienten, dann erkannte ich, sie richtete sich gegen mich selbst. Die Migräne wurde schlimmer.

Ein radikaler Schnitt

Die Entscheidung fiel, dass ich erst einmal nicht länger im schmerztherapeutischen Bereich arbeiten wollte. Ich verlor dadurch 1.000 Patienten, die es mir auch sehr übel nahmen, dass ich mich an erste Stelle stellte. Meine Migräne pendelte sich wieder auf drei Tage im Monat ein.

Verlust der Peitsche

Jetzt muss ich etwas ausholen und auf die weiblichen Hormone eingehen. Östrogen stellt bei Frauen die eigenen Bedürfnisse ab. Was bedeutet das? Östrogen wirkt auf unser Gehirn und bringt uns dazu, unsere eigenen Bedürfnisse denen der Schutzbefohlenen unterzuordnen. Die Kinder, der Mann, die Familie oder die Patienten gehen vor. Deshalb spricht man auch von einer Östrogenvergiftung. Das ist aus evolutionärer Sicht sinnvoll, da Menschenkinder sehr lange abhängig von der Mutter sind.

In den Wechseljahren versiegt Östrogen nach und nach und man wird frei. Das ist der Grund dafür, dass Frauen nun alles hinterfragen und verändern oder noch einmal komplett neu durchstarten. Für mich bedeutete es, mehr und mehr aus dem Hamsterrad auszusteigen und meinen Berufsalltag meinen Belangen anzupassen. Das Ergebnis, ich bin frei von Migräne!

Fazit

Sicherlich kann man jetzt anmerken, dass es eine Entscheidung ist, so viel und hart zu arbeiten, wie ich es getan habe, teilweise stimme ich zu. Ich hätte achtsamer mit mir umgehen sollen, aber unterschätze nie die Natur und deine Prägung. Die Prägung hin zur Selbstlosigkeit, Fleiß und Wissensdurst kombiniert mit einer Östrogenvergiftung hat mein Leben sehr erfolgreich aber auch schmerzhaft gemacht.

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View Comments (11)
  • Liebe Annette,

    da hast du einen ganz schön langen Leidensweg hinter dir. Ich wusste gar nicht, dass sich Migräne auch ohne Schmerzen äußern kann. In der Familie hatten wir auch jemanden, der regelmäßig an so starker Migräne litt, dass nur noch ein ganz stiller und dunkeler Raum etwas Linderung gebracht hat.
    Zum Glück bist du Prof. Herget begegnet. Respekt, dass du uns dein Leben mit Migräne erzählt hast.

    Liebe Grüße,
    Mo

  • Wow, also erst einmal Hut ab vor deinem Lebensweg – nicht nur, aber besonders weil du Migränepatientin bist. Was mich aber gerade echt fast zum Explodieren gebracht hat, war die Schilderung deines Vorstellungsgespräches mit den vier Herren. Auch wenn ich gegen jedwede Gewalt bin, da würde ich dann doch echt gerne jemandem in die Fresse schlagen. Coole Reaktion – was anderes hätten diese Männer auch nicht verstanden.

  • Huhu,

    wow, das ist echt interessant wie du zu der Persönlichkeit wurdest die du heute bist.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass die Migräneanfälle schlimm waren, denn ich leide auch öfters an Migräne und dann nicht lesen zu können und abends mich schon früh ins Bett zu legen ist eine echte Qual. Ich beiße immer die Zähne zusammen und gehe dennoch arbeiten, es soll nicht alles bei mir beeinträchtigen.

    Wünsche dir weiterhin alles Gute!

    LG
    Steffi

  • Während meiner Ausbildung war “Migräne” auch mal ein Thema und eine betroffene Studentin hatte uns allen während einer Vorlesung davon erzählt. Ich möchte nicht tauschen, ab und zu Kopfschmerzen sind schon schlimm genug!

    Erschreckend fand ich, was du über die akzeptablen Nebenwirkungen und erfreulichen Langzeitfolgen geschrieben hast! Da hofft man als Patient auf Hilfe und wird nur als Goldesel für weitere Therapien und Medikamente gesehen! Ich hoffe, diese Philosophie gibt es heutzutage nicht (mehr)!

    Liebe Grüße
    Jana

  • Hey, das ist ein sehr interessanter, aber auch für dich langer Leidensweg. Bei mir in der Familie hat zum Glück keiner mit Migräne zu tun, aber im Freundeskreis leider.

    Alles Gute für dich.

    Liebe Grüße
    Steffi

  • Liebe Annette,

    eine ganz schöne Leidensgeschichte die du hier mit uns teilst – danke dafür! Ich selbst hatte in meinen 20ern ein paar Attacken und weiß wie sich starke Migräne anfühlt. Wenn so ein Anfall kam, hab ich es oft kaum noch nach Hause geschafft. Zum Glück haben die Migräne Attacken dann irgendwann aufgehört und ich weiß gar nicht woran das gelegen hat. Aber ich bin sehr froh dass ich das nicht mehr erleben muss. Dafür habe ich ein anderes Päckchen zu tragen …

    Liebe Grüße
    Verena

  • Hallo Annette,
    ich habe deinen Lebensweg und die Geschichte deiner Migräne mit sehr viel Interesse gelesen – so interessant. Besonders aufmerksam wurde ich an der Stelle, an der du beschreibst, dass das Östrogen im Spiel war. 45 Jahre mit Migräne. Mein großes Glück ist, dass ich bei Migräne außen vor bin – zwar kenne ich Kopfschmerzen aber eben keine Migräne. Aber dein Beitrag ist auf alle Fälle hilfreich, um Betroffenen Mut zu machen und andersrum in denjenigen, die gesund sind, ein Verständnis für Migräne-Betroffene zu wecken vielen lieben Dank dafür,
    herzlichen Gruß
    Bettina

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