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Ich bin jede dritte Frau

Ich bin jede dritte Frau

Alice Mari Westphal
jede dritte Frau - The Bold Woman

Jede dritte Frau weltweit ist in ihrem Leben Gewalt durch den eigenen (Ex-) Partner oder sexuelle Übergriffe außerhalb der Beziehung ausgesetzt. Ein Erfahrungsbericht.

‘Das kann ich nicht glauben!’ sagte Alice. ‘Nein?’ sagte die Königin mitleidig. ‘Versuch es noch einmal: Tief Luft holen, Augen zu…’

Alice lachte. ‘Ich brauche es gar nicht zu versuchen’, sagte sie. ‘Etwas Unmögliches kann man nicht glauben.’

‘Du wirst darin eben noch nicht die rechte Übung haben, sagte die Königin. In deinem Alter habe ich täglich eine halbe Stunde darauf verwendet. Zuzeiten habe ich vor dem Frühstück bereits bis zu sechs unmögliche Dinge geglaubt.’

(Lewis Carroll, Alice im Wunderland)

Mein Leben besteht aus vielen Wendepunkten und Brüchen, denen ich mich so häufig ohnmächtig ausgesetzt fühlte. Was stimmt nicht mit mir? Wieso schon wieder ich? Warum muss ich so viel ertragen?

Das waren meine lauten, leisen und ständig in meinen Gedanken kreisenden Glaubenssatzmantras. Und es erschien mir tatsächlich unmöglich, sie aufzulösen.

Erst vor neun Jahren, als ich Anna, meine spirituelle Mentorin kennenlernte, änderte ich teilweise mit sehr großem Widerstand und Verweigerung meine Überzeugungen, mein Mindset.

Mir war bis dahin überhaupt nicht bewusst, wie sehr ich noch in der Opferrolle verhaftet war! Ich war felsenfest davon überzeugt, die volle Verantwortung für mein Leben übernommen zu haben. Na klar, vieles wäre einfacher gewesen, wenn ich nicht so viel zu ertragen gehabt hätte.

Ich durfte erfahren und lernen, annehmen, akzeptieren und anerkennen, dass ich die Schöpferin und Gestalterin meines Lebens bin.

Die Metapher aus „Alice im Wunderland“ begleitet und beflügelt mich immer wieder, auch an das Unmögliche zu glauben!

Ich fing an und übe seitdem täglich, bewusst Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen. Ich verließ und verlasse, immer wieder sehr überrascht, wo ich sie überall spüre, meine Komfortzone. Dazu brauche ich ganz viel Mut, Achtsamkeit, die Unterstützung und Begleitung wundervoller Menschen, viele Bücher, Coachings, eine Analyse, Fortbildungen, seit drei Monaten den Beginn einer Traumatherapie und den ganz starken Willen, es wirklich zu wollen – GANZ zu sein.

Ich bin Alice Mari, MutExpertin für Frauen, die Missbrauch und häusliche Gewalterfahrungen erlebt haben.


Denn auch ich bin #ichbinjededrittefrau

Was steckt hinter diesem Hashtag?

  • In Deutschland wird laut Bundesfamilienministerium jede 3. Frau ab 16 Jahre einmal in ihrem Leben Opfer von häuslicher, körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt, das sind 12 Millionen Frauen in Deutschland!
  • Laut Statistik des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2018 sind 140.755 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt erstattet worden!
  • Häufiger als jeden 3. Tag wird in der Bundesrepublik eine Frau von ihrem Partner bzw. Ex-Partner ermordet, im Jahr 2017 waren es 147 Frauen!
  • Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist die Familie/Partnerschaft der gefährlichste Ort für Frauen!
  • Gewalt gegen Frauen ist das größte Gesundheitsrisiko für Frauen weltweit!
  • Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit und auch kein Familiengeheimnis – häusliche Gewalt ist ein Verbrechen!

In Grundgesetz der Bundesrepublik lautet der Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“

Das gilt auch für Frauen und Mädchen!

Ich bin 64 Jahre alt, Mutter von zwei fantastischen Kindern (mein Sohn ist 43 und meine Tochter 36 Jahre alt) und Oma von zwei kleinen Enkelinnen (25 und 11 Monate alt).

Meine erste Enkelin hatte mehrmals vor, viel zu früh auf die Welt zu kommen, es gab Situationen, in denen ich unglaubliche Angst um sie hatte. In einem dieser Momente habe ich ihr das Versprechen gegeben: „Wenn du es schaffst, meine Kleine, dann werde ich meinen aktiven Beitrag leisten, um für dich die Welt ein Stück sicherer, friedlicher, gesünder und vor allem würdevoller zu gestalten und meine Geschichte öffentlich machen!

Und dieses Versprechen löse ich konsequent und aktiv für diese wundervollen kleinen Menschlein ein!


#ichbinjededrittefrau

Ich bin ein „britisches Besatzungskind“, ein Kind der Liebe, die nicht bis zu meiner Geburt anhielt. Eine zeitlang habe ich in einem Baby-Waisenhaus verbracht, bis ein junges Ehepaar mich als Pflegekind mitnahm. Später adoptierten sie mich, was nur über einen Gerichtsprozess gelang. Ich bekam noch vier Geschwister und wuchs in einer liebevollen Familie auf. Leider fiel niemandem auf, dass mich der Stiefvater meines Vaters viele Jahre, wenn meine Großeltern zu Besuch waren oder wir bei ihnen, missbrauchte.

Mit neunzehn Jahren verliebte ich mich, meine erste große Liebe, später der Vater meines wundervollen Sohnes, in einen Mann, der ein stadtbekannter Schläger war. Es dauerte über fünf Jahre, bis ich es schaffte, mich aus dieser Beziehung endgültig zu lösen. Es waren Jahre der Kontrolle, Schläge, Tritte, Erniedrigung, Versöhnung, mit Zeiten der Fröhlichkeit, so wie ich immer mit meiner Familie leben wollte und immer wieder mit dem Gefühl, dass er sich ändern würde.

Häufig bin ich mit meinem Sohn geflüchtet, aus- und umgezogen, in ein Frauenhaus gegangen und immer wieder zurückgegangen.

Der Grund, wieso ich dann endlich bereit war, meine Geburtsstadt zu verlassen, war ein Überfall mit Vergewaltigung in einem Park. Ich hatte gerade meinen Sohn in die Kita gebracht, rannte, kurzsichtig ohne Brille, weil es in Strömen regnete zum Bus, wie immer zu spät, als plötzlich ein Mann vor mir stand, mich mit einer Pistole und einem Messer bedrohte und mich in einem Gebüsch vergewaltigte.

Wie so häufig hatte ich schreckliche Todesangst, das Gefühl, gleich sterben zu müssen. Doch ganz tief in mir, ohne dass ich es bewusst fühlte oder ausdrücken konnte, regte sich auch etwas in mir: Jetzt reicht es!

Und zeigte die Tat, trotz meiner riesengroßen Angst, weil der Täter sich meinen Ausweis hatte zeigen lassen, an.

Ich lasse die Einzelheiten der häuslichen Gewalt und auch der Vergewaltigung aus. Auch das würdelose Verfahren der Befragung und später den Prozess, bei dem ich ohne Begleitung als Zeugin aussagte. Mein „Glück“ war, dass der Täter mich mit einer Gonorrhö angesteckt hatte, so brauchte ich die Tat vor Gericht nicht zu beweisen.

Danach bin ich mit meinem Sohn nach Berlin gezogen, der für mich damals (1983) sichersten Stadt der Welt.

Als komplex traumatisierte Frau lebte ich gefühlt in Parallelwelten.

Einerseits entwickelte ich mich zur selbstbewussten, durchsetzungsstarken und professionellen Karrierefrau, die zur ersten weiblichen Personalratsvorsitzenden einer Berliner Uniklinik gewählt wurde, mit 37 Jahren ihren Motorradführerschein machte, mit über 40 Jahren das Skilaufen lernte, mit 45 Jahren ihren ersten Marathon lief, 13 weitere folgten und ein Lernjunkie war (ist).

Andererseits war da die Frau, die die häufigen Nierenbeckenentzündungen, die chronische Nasen- und Kieferhöhlenentzündung, das Pfeiffersche Drüsenfieber, die Lungenentzündung, die Fahrradstürze, drei Hörstürze, zwei Bandscheibenvorfälle und eine Erschöpfung nicht bewusst als Krankheiten, als Zeichen, wahrgenommen hat. Auch habe ich mich nicht, trotz der mich so oft begleitenden Suizidgedanken, als depressiv wahrgenommen.

Mit 54 Jahren habe ich aufgrund struktureller Veränderungen durch eine Fusion nach über 25 Jahren den Arbeitgeber „Öffentlicher Dienst” verlassen.

Es war ein schmerzhafter Prozess, der mich den dritten Hörsturz kostete, weil ich anfangs nicht wahrhaben wollte, dass ich nicht mehr in das System passte, ich war einfach nicht hierarchiekompatibel. Auch waren meine Werte für die Fusion nicht wichtig.

Ich hatte sehr große Existenzangst, die auch von meinem Umfeld stark geschürt wurde, bis auf meinen Partner und meine Kinder. Auch weil ich nicht wusste: Wer bin ich jetzt? Was kann ich? Was will ich?

Ich habe mich nach mehreren Tests und dem Buch „Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will“ von Barbara Sher als Erfolgsteamleiterin, Trainerin und Coach selbstständig gemacht. Im Nachhinein die beste Entscheidung!

Und mein immer bewusster und selbstbestimmter Heilungsprozess begann, der mich bis zu meinem letzten Atemzug begleiten wird.

Später habe ich als Co-Autorin in dem Buch „Wie hast du das gemacht?“ begonnen, das Versprechen für meine Enkelin, einzulösen.

Aufgrund der großen und berührenden Resonanz und des Feedbacks habe ich mit Unterstützung meine Keynote „Würde ist trainierbar!” erarbeitet und öffentlich vorgestellt.

See Also

Lebensaufgabe The Bold Woman

Auch hier war die positive Resonanz der Zuhörer*innen überwältigend, viele unbekannte Frauen hatten zum ersten Mal den Mut, über ihre eigene Geschichte mit ihren Missbrauchs- und häuslichen Gewalterfahrungen zu sprechen.

Für meinen Mut und mein Engagement als Gründungs- und Vorstandsmitglied und Trainerin im Verein S.I.G.N.A.L. e.V. habe ich im Oktober 2019 den Genius-Award „Woman of the Year 2019“ erhalten.

Woman of the Year
Woman of the Year

Im September 2020 hat der wdr in der Sendung Frau tv ein Porträt über mich gedreht, indem ich mich noch öffentlicher als missbrauchs- und gewaltbetroffene Frau zeige, um vielen Frauen ein Vorbild zu sein. Das hat mich so viel Mut gekostet, mich so offen zu zeigen, als auch eine Frauen von #jededrittefrau.

Der vorab veröffentlichte drei Minuten lange Clip wurde auf Facebook bereits über 1,2 Millionen mal angesehen, die Zeit ist reif, das Schweigen zu brechen!

Heute mit 64 Jahren weiß ich und vor allem, ich fange auch an, es zu spüren und zu fühlen – dass meine ganzen Erfahrungen mir dazu dienten, um den Sinn meines Lebens zu finden:


Frauen, die ähnliche Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, Mut zu machen, sie zu begleiten und zu unterstützen, sich ihrer Würde und ihres Selbstwertes wieder bewusst zu werden!

Für die Medien, Fernsehanstalten, Talkshows, Journalist*innen eine Expertin und eine Stimme für die vielen betroffenen Frauen zu sein, die sich noch nicht zeigen können.

Eine Stimme, die sich dafür einsetzt, dass sich das Bild einer geschlagenen Frau endlich in der Öffentlichkeit ändert, die aufklärt, die Vorurteile und Glaubenssätze entkräftet. Dafür habe ich kürzlich die Kampagne #ichbinjededrittefrau ins Leben gerufen.

Ich wünsche mir, für viele Frauen ein Vorbild und Mutstifterin zu sein.

Ich wünsche mir, vielen Frauen zu zeigen, dass es möglich ist, das Unmögliche zu schaffen.

Es ist Zeit, dass häusliche Gewalt kein Tabu-Thema mehr ist, was ausschließlich die betroffenen Frauen betrifft!

Damit dieses Unrecht endlich aufhört, braucht es gesellschaftliche und politische Unterstützung! Ein gesellschaftliches und politisches Klima, was Gewalt an Frauen ganz klar verurteilt!

Und dafür setze ich mich mit all meiner Kraft, meinem Mut, meiner Ausdauer, meiner Vitalität, meiner Lebensfreude, meiner Kreativität und meinem Humor ein!

Hast du auch eine Story, die es wert ist erzählt zu werden? 

Hast du etwas richtig tolles erlebt, etwas was außerhalb deiner Komfortzone lag und das nicht 0815 Status Quo war? Willst du damit mal so richtig auf den Tisch hauen und allen Menschen zeigen, was eine Powerfrau in dir steckt?

Und vor allem andere Frauen damit inspirieren?

Oder aber du hast eine schwere Zeit durchlebt, hast alles überstanden und stehst jetzt mit erhobenem Kopf da. Willst du anderen Frauen zeigen, dass alles möglich ist, egal wie ausweglos eine Situation erscheinen mag?

Wir glauben: 

Every Woman has a Story. 

Lass uns deine hören:

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