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Benimmregeln: Und plötzlich sind alle still…

Benimmregeln: Und plötzlich sind alle still…

Kirsten Dehmer
Bewusste Wirkung

Es ist ein Freitag im Juli 2022, die Stimmung im Raum entspannt und fröhlich. Alle haben sich schick gemacht, stehen beisammen und haben ein Getränk in der Hand. Jeder hat ein bis drei Gesprächspartner und das Gemurmel im Raum ist ein schönes Geräusch.

Die Firma hat Geschäftspartner sowie Mitarbeiter zur Einweihung der neuen Geschäftsräume eingeladen und es soll ein schöner Abend werden. Es ist eine große Altstadtvilla im Herzen der Stadt. 20 komplett renovierte Zimmer mit neuester Technik und alten Stilelementen.

Alles wurde durchdacht und die Umbauarbeiten dauerten über ein Jahr. Jetzt ist es fertig und heute wird dieser Meilenstein mit allen gefeiert. Mit dabei sind Aktionäre und Investoren sowie die Mitarbeiter, die heute ausnahmsweise mitfeiern dürfen. Alles ist vorbereitet. Das Rahmenprogramm steht, das Restaurant für das gemeinsame Abendessen ist reserviert und alle sind da.

Benimmregeln

Kompetenz –  die bewusste Wirkung

Um der Feier einen Rahmen zu geben, wurde ich als Knigge- und Benimmtrainerin gebucht. Die Idee kam von einer Mitarbeiterin, die im Vorfeld Angst bekam, dass sie sich beim Essen am Abend nicht passend benehmen kann und deshalb unangenehm auffällt. Das nahm der Chef zum Anlass und hat mich spontan als Vortragsrednerin gebucht.

Nun ist die erste Hälfte um. Ich mache wie immer eine Pause, bitte die Menschen, sich kurz auszutauschen und die Gläser neu zu füllen und verschwinde selbst auf die Toilette. Hier verwandele ich mich von der klassischen Benimmtrainerin in Anzug, Bluse, Pumps und kleiner Goldkette in MICH.

Als ich zurück im Raum bin und alle mich sehen, wird es schlagartig stumm. Alle starren mich an und fangen an zu grinsen. Sie freuen sich, sind wahnsinnig erfreut und der Chef fängt an zu klatschen. Alle finden faszinierend, was Kleidung und Stil ausmacht. Und alle wissen – Kompetenz kann man nur erahnen oder sichtbar machen, indem man sich seiner Wirkung bewusst ist.

Ich habe nun ein T-Shirt mit großem Logo einer bekannten Skatefirma an. Meine Tätowierungen am linken Arm sind sichtbar, ich trage mein Piercings am linken Auge und in der Nase sowie meine pinken Turnschuhe. Meine Haare habe ich rechts zurückgekämmt, dass auch der Undercut mit 3 mm sichtbar ist. Außerdem habe ich die dünne Goldkette durch Lederarmbändern ausgetauscht.

Ich spreche unbeeindruckt und freundlich weiter von Themen wie Sitzordnungen und Begrüßungen, von Gläsern, Besteck sowie Garderoben. Von Hand- und Sitzhaltungen.

Mein Vortrag dauert 2 Stunden, danach geht es für die Zuhörer in ein 5 Sternelokal am Rande der Stadt. Ich packe meinen Rucksack und laufe zum Bahnhof.

Ich bin begeistert, mir geht es gut. Mein Auftrag, Menschen für Regeln, Wirkung und Image zu begeistern, ist geglückt. Ich weiß, dass es nun 50 Menschen mehr gibt, die sich mit den Themen Benehmen, Verhalten und Wirkung anders auseinandersetzen.

Bewusste Wirkung

Selbstliebe, Benehmen und Verhalten

Was hat nun Selbstliebe mit dem Thema Benehmen und Verhalten zu tun? Und warum denke ich, dass es wichtig ist, sich damit mehr zu beschäftigen, um in die Selbstliebe zu kommen?

Auf den ersten Blick erscheint es sehr widersprüchlich und unstimmig: wenn man sich an vorgegebene Regeln halten soll, verhindert es ja theoretisch das freie Entfalten, das frei Sein und auch das sich selbst wohlfühlen, sich selbst sehen und sich selbst erkennen.

Sieht man aber genau hin, sieht es komplett anders aus. Man bekommt durch das Wissen der gängigen Regeln mehr Leichtigkeit sowie Freiheit in sein Leben und kann direkt bewusst entscheiden – halte ich mich dran oder breche ich sie! Es ist ja bekannt – nur wer die Regeln kennt, kann diese auch gekonnt brechen.

Akzeptieren und Benehmen ist keine Einbahnstraße

Man muss mich so nehmen wie ich bin“ diesen Satz höre ich vor nahezu allen Benimmseminaren oder Vorträgen. „Wem das so nicht passt, der kann ja gehen“ auch ein Satz, den ich immer höre.

Stimmt, ABER – keiner muss einen so nehmen, wie man ist. Denn jeder darf weggehen, jeder darf sich dann abwenden und jeder darf entscheiden, was er wie lange zulässt. Akzeptieren und Benehmen ist nie eine Einbandstraße. Es ist immer ein Miteinander und es darf sich nicht gewundert werden, wenn es plötzlich respektlos sowie aggressiv wird: ich garantiere, eine Partei wird sich immer angegriffen fühlen.

Nehmen wir das Beispiel Lautstärke: Wird extrem laut gesprochen, was andere aber nicht hören wollen, so ist es eine gängige Regel, dass man seine Lautstärke der Situation anpasst. Wurde das nie gelernt, so schreit man evtl. die ganze Gegend zusammen und verhält sich gegen die Regel. Die Umstehenden werden es erst mit Augenrollen und dann vielleicht mit Zurechtweisen – im schlimmsten Fall mit Gewalt – lösen wollen.

Frau hat immer die Wahl

Angriff, Aggression und Respektlosigkeit ist das, was uns in negative Stimmungen und am Ende in Selbstzweifel bringt. Wir möchten gemocht werden und in Frieden mit dem Umfeld leben, denn nur so kommt man in sein Selbstbewusstsein, in sein Selbst und dann ins Miteinander.

Wir erkennen uns im anderen, wir erkennen, dass wir gesehen, wertgeschätzt und wahrgenommen werden. Wir erleben Stolz, Frohsinn und auch Liebe – das wiederum führt zu unserem Selbstbewusstsein und unserer Selbstliebe.

Man hat immer die Wahl. So wie ich in meinem Vortrag. Wähle ich den klassischen Einstieg, dann ist mir garantiert, dass die Menschen an meiner Kompetenz nicht zweifeln. Wähle ich einen anderen Einstieg, muss ich lange für meine Kompetenz kämpfen. Dennoch, – ich habe immer die Wahl, weil ich weiß, was erwartet wird und welche Regeln gelten.

Rules?!

Wertschätzung als Regel

Nicht alles, was geregelt ist, macht für alle Sinn und nicht alle Regeln sind allen bekannt. Das Schöne daran ist, dass man alle Regeln für sich selbst bewerten und anwenden kann. Sich selbst mit sich und der Gesellschaft, seiner Wirkung und seinem Image auseinanderzusetzen, sich selbst zu erkennen, sich selbst zu lieben und sich selbst zu entscheiden ist der erste Schritt.

Wertschätzung allen gegenüber ist dabei eine der wichtigsten Regeln.

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Kümmere dich um dich selbst – nicht ganz so deutlich und dennoch steht es so im aktuellen Knigge.

Das bedeutet nichts weiter als: Pflege dich, deine Haut, deine Zähne, deine Hände usw. Achte auf deine Erscheinung, denn das ist das Erste, was andere von dir sehen und unbewusst oder auch bewusst wahrnehmen. Nimm immer die Situation als Hilfe: Wohin gehe ich mit wem und was wird erwartet. Selbst auf dem Sofa kannst du es für dich schick machen oder auch lassen.

Mit Bewusstsein zur Selbstliebe

Bewusstheit ist das nächste Thema, was uns hilft, direkt in die Selbstliebe zu kommen und sich wahrzunehmen. Das bedeutet: Wie viel Platz brauchst du, wenn andere dabei sind. Nimmst du viel Platz ein oder nimmst du dich zurück, um anderen Platz zu machen?

Gibst Du acht, dass andere nicht durch dich und deine Lautstärke gestört werden oder muss man dich gut hören? Nimm immer Bezug auf die Situation, die Menschen, dich und den Anlass. Kein Mensch wird bösartig, wenn man sich für Fehler entschuldigt, denn keiner ist perfekt. Merkt man aber, dass man eine Regel nicht beachtet hat, kann man auch das ganz selbstbewusst entschuldigen.

Dafür wird jeder garstig, wenn das Verhalten des Gegenübers stört und der sich nicht um sich sowie sein Verhalten kümmert und so andere einschränkt, ärgert oder respektlos behandelt. Wir alle kennen solche Situationen und möchten nicht der Verursacher sein.

Wir haben das große Glück, dass bei den Benimm- und Verhaltensregeln keine Geschlechtsunterschiede zum Tragen kommen, außer man beschäftigt sich bewusst mit dem „alten“ Knigge, der bis heute noch gelebt werden kann, aber nicht muss.

Sind wir mal ehrlich, jeder Frau freut sich, wenn ihr ab und an die Türe aufgehalten wird oder der Mann das Tragen der schweren Tasche anbietet. Es ist kein Muss, aber es hat etwas mit Wertschätzung und Miteinander zu tun: Frau selbst gibt sich dafür nicht auf, sondern gibt zurück. Nimmt man alles, was man kennenlernt mit einem anderen Blick ein, so kann man nur gewinnen. Für sich und für andere.

Ein Blick über den Tellerrand

Gönnen wir uns den Blick über den Tellerrand, wird die Welt anders, größer, bunter und spannender. So empfehle ich dringend in andere Gesellschaften zu schnuppern. Ganz egal ob es eine Galerie ist, die teuersten Läden der Stadt, das Sternelokal oder auch die Punkdisco.

Je mehr Regeln der Gesellschaften man kennenlernt, desto einfacher hat man es im Alltag und Miteinander, desto entspannter kann man leben und desto selbstzufriedener wird man.

Benimm- und Verhalten kostet nichts und macht dennoch reich.
Fakt ist: Wer Selbstliebe leben will, darf Regeln beachten, brechen und leben.
Bewusste Wirkung

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Hier gibt es noch mehr zum Thema Selbstliebe und der Rubrik I Love Myself.

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