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Lücken im Lebenslauf. Yes please!

Lücken im Lebenslauf. Yes please!

Cindy Pfitzmann
Lücken im Lebenslauf

Standest du nicht auch schon einmal vor einer Entscheidung, mal etwas verrücktes zu machen? Mal ein halbes Jahr rumreisen (vor und nach Corona) und dabei nichts tun, außer Lebenserfahrung sammeln?  Mal alles hinschmeissen und einen Roman schreiben? Oder mal etwas gemeinnütziges tun in einer NGO? Allerdings hätte das dann eine „böse“ Lücke im Lebenslauf zur Folge?

Die meisten Leute würden sehr gern mal ausbrechen und etwas außerhalb der Norm machen. Aber, wenn sie dann abwägen zwischen Abenteuer und der bösen Lücke im Lebenslauf, die ihnen später auf die Füße fallen könnte, entscheiden sich viele eher dagegen. In ihren Köpfen schreit es: Was passiert mit Job, Wohnung, Auto, Fitnessstudio Vertrag? Und vor allem: Was schreibe ich bloß auf meinen Lebenslauf?

Diese Frage scheint von großem Interesse zu sein: „Lücken im Lebenslauf“ liefert 163.000 Google Ergebnisse! Darüber hinaus liefert Google als Auto-Suggest folgende Vorschläge:

lücke im lebenslauf
Lücke im Lebenslauf Suchergebnisse.

Lücken im Lebenslauf scheinen in unserer Gesellschaft ein Wahnsinnsproblem zu sein. Woher kommt das? Würde es etwas ändern, wenn wir das böse Wort „Lücken“ mit einem positiveren ersetzen, zB:

  • Kreative Auszeit
  • Sabbatical
  • Volunteer Projekt

Es ist also anerkannt, nach der Schule ein Jahr ins Ausland zu gehen und auch während der Uni ein Auslandssemester zu nehmen. Und selbst Sabbaticals während der Arbeitszeit kommen so langsam selbst in Deutschland zur Geltung.

Aber trotzdem wird erwartet, dass man eigentlich „lückenlos“ durchs Leben geht. Ist das denn überhaupt möglich? Würde das nicht bedeuten, dass man vor jedem neuen Lebensabschnitt mit totaler Sicherheit weiß, was als nächstes dran ist? Wie soll man das wissen, wenn man nichts probiert hat und vergleichen kann?

Und einmal entschieden gibt’s natürlich auch kein zurück mehr. Es sei denn du brichst Studium oder Ausbildung ab, und fängst doch noch was neues an? BÄM, dann bekommst du gleich ein negatives Label ab. Dann lieber doch gleich durchziehen. Und schwups steckt man fest, in einer Karriere und einem Job, den man eigentlich gar nicht will.

Setzt Covid alles auf reset?

Das ändert sich auch grad durch Covid. Viele Existenzen werden leider zerstört, viele müssen sich notgedrungen umorientieren. Vieles wird nicht mehr so sein wie damals. Was auch gut ist, denn in zu vielen Dingen waren wir einfach zu eingerostet.

Und wie sollte eine 19-jährige Abiturientin wissen, was er den Rest des Lebens machen soll (Ausnahmen gibt’s natürlich)? Ganz zu schweigen, wenn man sich nach der 10. Klasse mit 16 Jahren schon entscheiden müsste.

Jetzt lebst du also in einer Gesellschaft, in der es zum guten Ton gehört, dich auf etwas zu spezialisieren und ganz genau zu wissen wo man hingehört. Das fängt schon in der Schule an, wenn es darum ging Leistungskurse zu belegen, und geht weiter in der Uni mit Spezialisierungskursen.

Als akzeptable Karriere wird dir vorgebetet, dass du von einer Stufe zur nächsten klettern sollst. Keine Ausfälle, keine Zwischenstufen, die nicht themenverwandt sind. Keine Lücken!

Um Gottes Willen, bloß keine Lücken im Lebenslauf! Was könnte in Personaler da wohl denken? Dass die Person nicht fähig wäre, einer klaren, gradlinigen Karrierebahn nachzukommen? Was heißt das für dich als Individuum? Mangel an Konzentration, Mangel an Disziplin, Mangel an Fokus?

Es ist eigenartig, dass diese alte „Weisheit“ des tüchtigen Arbeiters, der gradlinig eine einzige Karriere verfolgt und keinen Zentimeter davon abweicht, noch immer so eine weit akzeptierte aber starre Form in der Personalpolitik ist. Vor allem aber im deutschsprachigen Kulturraum. In anderen Ländern ist das nicht so streng. Dort sind bunte, unterbrochene Lebensläufe viel präsenter und willkommener. Dort sind Karrierewechsler, Quereinsteiger, gescheiterte Unternehmer gern gesehen, weil sie frischen Wind mitbringen und durch die Nicht-Geradlinigkeit hervorragende Qualitäten nachweisen, wie zB Mut, Selbstreflexion.

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Im deutschsprachigen Raum werden Freizeit und Spaß oft hinten angestellt und als weniger wertvoll gesehen. Rein nach dem Motto: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Doch leider bleibt für Vergnügen nicht viel Zeit. Außer im Urlaub oder als Rentner. Und wer will schon als Rentner durch Südamerika reisen oder in Australien surfen?

Oder du bist ein Rebell und stehst zu deinen Lücken!

Insbesondere in unser heutigen Informations- und Wissensgesellschaft, bedarf es keiner Geradlinigkeit mehr. Ganz im Gegenteil es ist viel wichtiger, dass du imstande bist out of the box zu denken, und keine Betriebsblindheit zu haben.

Was viel mehr gefragt sein müsste, sind Menschen, die Strategien, Taktiken und Denkweisen aus anderen Branchen erfolgreich adaptieren können in einer Welt, die vor Überfluss an Gütern und Werbung maßlos überquillt. Menschen mit diesem Eigenschaften sitzen aber nicht 10 Jahre im gleichen Office, nehmen 10 Jahre den gleichen Bus zur Arbeit und essen in der gleichen Kantine das gleiche Essen.

Es sollte erstrebenswert sein, viele Jobs und Karrieren ausprobiert zu haben, und viele Wege gegangen zu sein.

Wenn du also das Bedürfnis hast auszusteigen, sei es für eine lange Reise, ein Volunteer Projekt (auch eins was mit deiner bisherigen Laufbahn keine Gemeinsamkeit hat), ein privates Projekt auf das du dich für eine Zeit mal fokussieren willst, dann mach es! Lass dich nicht davon abhalten, wie du denn deine Lücke erklären sollst. Du weißt noch nicht wo dich deine Entscheidung hinbringen wird. Stattdessen wirst du aber unglaublich viele positive Erfahrungen machen, die du dir vorher gar nicht ausmalen kannst (wenn du nicht gerade für 6 Monate Dauergast vor deinem TV bist).

Erfahrungen, die viel mehr wert sind, als sich über Lücken im Lebenslauf Gedanken zu machen und sich mitunter davon abhalten zu lassen. Und vor allem wirst du viel interessanter!

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