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Der Traumjob in meiner Wunschstadt auf dem Silbertablett – trotzdem lehnte ich ab

Der Traumjob in meiner Wunschstadt auf dem Silbertablett – trotzdem lehnte ich ab

Sabine Votteler
Berufung - The Bold Woman

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Es war ein Freitag im April 2014.

Wie immer war ich am Morgen ins Büro gefahren. Zum Glück war das Wochenende nicht mehr weit. Schon seit Monaten ging das so: Ich hangelte mich von Wochenende zu Wochenende. Und vor den Montagen graute mir bereits am Sonntag.

Was für eine Arbeitseinstellung! Das ging in meinen Augen gar nicht. Dazu musst du wissen, dass ich in einem schwäbischen Unternehmerhaushalt aufgewachsen bin. Viel schaffen war das, was „rechtschaffene“ Leute auszeichnete.

Durchbeißen war die Devise

Also schalt ich mich selbst und ermahnte mich, diese Einstellung gefälligst zu ändern, mich zusammenzureißen, die Dinge positiv zu sehen und mich weiter anzustrengen. Das tat ich. Ich kämpfte. Gegen die Rahmenbedingungen, in der selbst auferlegten Zuversicht, dass sie sich verändern würden. Aber vor allem kämpfte ich gegen mich. Gegen meinen Frust, meinen Ärger, meine Unlust.

Doch es fiel mir zusehends schwerer, auch wenn ich mir das nie hätte anmerken lassen. Nach außen war ich immer die „toughe“ Powerfrau, die nichts umhauen konnte. Ich war die, die alles schaffte und deren Leitspruch hieß: Geht nicht, gibt’s nicht.

Von meinen Mitarbeitern verlangte ich viel und von mir selbst noch mehr. Ich ignorierte sämtliche Zeichen. Emotionen und Bauchgefühle wischte ich ungeduldig weg. Es zählte nur eins: Ergebnisse, Zahlen, schwarz auf weiß.

Wenn die Zeit knapp wurde, sagte ich mir: Im Notfall hat ja jeder Tag 24 Stunden. Dann arbeiten wir einfach länger. Meine Mitarbeiter hielten mich wahrscheinlich manches Mal für verrückt. Doch ich war stolz darauf, dass ich so hart mit mir sein konnte.

Damals wusste ich noch nicht, wem ich eigentlich etwas beweisen wollte. Aber das ist ein anderes Thema…

Zurück zu jenem Freitag.

Ich fuhr mit angezogener Handbremse

Die üblichen Meetings standen auf der Agenda. Meetings, deren Themen sich wiederholten und im Kreis drehten. Gespräche mit Personen, die einfach nicht mitzogen und die ich dennoch mit allen Mitteln zu motivieren versuchte. Feedbackschleifen, die in meinen Augen völlig unnötig waren. Wie mich das alles langweilte. Aber vor allem: Wieviel Kraft mich das kostete! Alles schien zu bremsen. Ich kam gefühlt keinen Schritt voran.

Es gab in diesem Unternehmen scheinbar nur Probleme. Jeder erzählte mir, warum etwas NICHT ging. Niemand zog am selben Strang, um Dinge zu lösen. Der eine Hü, der andere Hott. Ich war erst einige Monate in dieser Position als Marketingleiterin, aber schon jetzt war ich mit meinem Latein am Ende. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Keine Strategie schien zu fruchten. Und im Hintergrund wurden die Messer gewetzt.

Meine Reaktion?

Noch mehr machen. Noch mehr arbeiten. Noch mehr Ideen. Noch mehr Gespräche und Meetings.

Mit dem Kopf durch die Wand. Das musste doch zum Teufel nochmal irgendwie gehen. Und um bei diesem Bild zu bleiben: Ich rannte immer wieder gegen dieselbe Wand und wollte nicht einsehen, dass es sinnlos war. Ich sah nur: Ich bekam es einfach nicht hin.

Das war für mich tödlich. Nichts bewegen zu können, ist für mich die Hölle. Und mein Selbstwert fing an zu schrumpfen, denn ich schaffte es nicht.

Einfach hinschmeißen? Undenkbar!

Und an jenem Freitag war’s plötzlich zu viel. Wieder wurde ein Projekt, in das ich viel Energie gesteckt hatte, durch die Geschäftsleitung zurückgestellt. War das, was ich tat, eigentlich in irgendeiner Weise relevant?

Ich hatte schon einige Male versucht, mir vorzustellen, einfach alles hinzuschmeißen. Doch das war für mich völlig ausgeschlossen. Erstens würde ich so schnell nicht aufgeben – nee, nee – und zweitens nicht ohne einen neuen Job.

Und doch tat ich es an diesem Freitag. Es war der letzte in dieser Firma. Ich konnte nicht mehr.

Und ich war schockiert. Über mich.

Was jetzt? War ich komplett wahnsinnig geworden?

Nein.

Ich war im Burnout. Diagnostizierte die Psychotherapeutin, die ich im Anschluss konsultierte. Na prima, das auch noch.

Ich hatte Glück. Denn beruflich hatte ich nun eine Verschnaufpause und mit der Unterstützung meiner Therapeutin konnte ich mich emotional einigermaßen über Wasser halten. Wenn man mal von den Angstzuständen und Panikattacken absieht.

Versagensangst und Existenzangst

Ich kann dir sagen: Achterbahnfahren ist ein Witz dagegen.

Doch ich wäre nicht die Tochter meiner Eltern, wenn ich jetzt nichts getan hätte. Die Angst trieb mich dazu, mich sofort um einen neuen Job zu kümmern.

Also stellte ich Suchprofile auf sämtlichen Online-Stellenportalen ein und kontaktierte alle Headhunter, die ich im Lauf meiner Karriere kennengelernt hatte oder die in meiner Branche tätig waren.

Meine erste Aufgabe jeden Morgen war es fortan, alle neuen Stellenangebote auf den Portalen zu checken. Das kostete mich täglich mindestens zwei Stunden und „versaute“ mir jeden einzelnen Tag. Die Ausbeute ging gegen Null. Wie sollte ich so jemals wieder einen adäquaten Job finden? Doch die Angst, nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben und etwas zu verpassen, ließ mich dies monatelang fortsetzen, bevor ich damit aufhörte.

Danach fokussierte ich mich ausschließlich auf die Headhunter-Angebote. Ich freundete mich mit dem Gedanken an, dass ich wahrscheinlich nicht innerhalb von zwei Monaten den nächsten Job haben würde und räumte mir mehr Zeit ein, ohne dass ich gleich in Panik verfallen musste. Damit ging es mir wesentlich besser.

Meine Energie kam zurück – Abwarten? No way!

Einfach nur warten, bis das richtige Angebot kommt? Viel zu unproduktiv. Ich musste was machen.

So informierte ich eine Handvoll Menschen, die über ein großes Netzwerk verfügten – ich selbst hatte meines in den vorherigen Jahren leider sträflich vernachlässigt – dass ich für freiberufliche Aufträge zur Verfügung stünde. Zwei Tage später hatte ich den ersten! Wow, das war schnell!

Es handelte sich um einen Interims-Auftrag für einen Investor. Ich wurde ECHT gebraucht, ich konnte meine Erfahrung einbringen, die involvierten Personen brachten mir enorme Wertschätzung entgegen und ich konnte endlich wieder richtig wirksam sein. On top bescherte mir dieses Engagement ganz beachtliche Einnahmen. Das fühlte sich richtig gut an!

Danach folgte der nächste Auftrag. Ein Projekt, das ich überwiegend von zuhause aus bearbeiten konnte, mit einem Investment von nur drei Tagen pro Woche. Auch nicht schlecht. Dafür heuerte ich sogar eine virtuelle Assistentin an, die mir viele Stunden Arbeit ersparte.

So lebte ich von Auftrag zu Auftrag und liebte die Abwechslung und manchmal auch schlicht die Tatsache, dass es sich um ein zeitlich begrenztes Engagement handelte und ich wieder gehen konnte.

Zwischendurch nahm ich Gespräche mit Headhuntern wahr. Alles konnte, nichts musste. Ich hatte zwei Eisen gleichzeitig im Feuer, was meinem Sicherheitsbedürfnis sehr entgegen kam.

Der Traumjob auf dem Silbertablett

Dann, ein Dreivierteljahr nach meinem Ausstieg, kam das Traum-Jobangebot. Eine CEO-Position in Zürich. Volltreffer: Ich wollte schon jahrelang in die Schweiz und die Position schien mir auf den Leib geschneidert. Einerseits.

Andererseits stellte ich jetzt, wo es konkret wurde, fest, dass ich vom Gedanken an eine Festanstellung mittlerweile unbewusst schon ein ganzes Stück abgerückt war. So 100-prozentig sicher war ich mir nicht mehr, ob ich das wirklich wollte. Ich hatte an der Selbstständigkeit Blut geleckt.

Doch ein Gespräch konnte nicht verkehrt sein, also flog ich nach Zürich. Alles, was ich sah und hörte, war super spannend. Ich spürte, wie mein Ehrgeiz getriggert wurde. Ich blieb entspannt, denn ja, ein erstes Gespräch sagte doch gar nichts.

Zwei Tage später der Anruf: „Wir wollen in die nächste Runde gehen.“ Es wurde ernster.

Aber nun ja, da konnte noch so viel dazwischen kommen… Ich flog zum zweiten Gespräch, lernte weitere Leute kennen. Alles lief prima. Ich hatte Ideen ohne Ende zu den Möglichkeiten dieses Unternehmens, hatte Lust, direkt loszulegen. Ein sehr gutes Zeichen. Wohin würde diese Sache hier führen…?

Ich rechnete mit einer Absage und bekam die Einladung zum 3. Gespräch, um die Formalitäten zu besprechen. Oh Mist! Was nun? Nun musste ich die Entscheidung treffen.

Ich war hin- und hergerissen und vertröstete den Headhunter mit einer Ausrede für ein paar Tage. Was sollte ich tun?

Wenn die beiden „Gehirne“ im Kopf und im Bauch sich nicht einig sind

Da wurde mir nun der Traumjob in meiner Wunschstadt auf dem Silbertablett präsentiert und ich wusste nicht, was ich tun sollte!?

Der Verstand schrie: Machen! Das war die sprichwörtliche „Once a lifetime Opportunity”! Doch etwas störte mich. Ich müsste meine neu gewonnene Freiheit aufgeben. Wäre wieder tagtäglich in feste Strukturen eingebunden. Wäre Teil eines Konzerns, hätte WIEDER meine Vorgaben, müsste WIEDER Rechenschaft ablegen, WIEDER Dinge tun, die ich eigentlich nicht tun wollte. Auch wenn jetzt alles rosarot aussah – diese Situationen würden auch hier wieder kommen. Dies geflissentlich zu übersehen funktionierte nicht. Dagegen rebellierte mein Bauchgefühl mit aller Macht.

Andererseits waren da die verlockende Sicherheit, das Gehalt, der Jobtitel. Mein Ego.

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Vom Callcenter zur Kryptomillionärin

Ich steckte in einer Zwickmühle und konnte aus meiner Sicht nur eine falsche Entscheidung treffen. Egal, was ich tat: Ich würde es mit Sicherheit eines Tages bereuen. Pro- und Kontra-Listen halfen nicht weiter, der Verstand war überfragt.

Das war gut, denn ich hatte keine andere Wahl, als auf den Bauch zu hören. Und der Wunsch nach Selbstbestimmung war stärker. Zudem hatte ich das Gefühl, die Möglichkeiten einer Selbstständigkeit noch lange nicht ausgereizt zu haben und empfand großes Bedauern beim Gedanken daran, damit aufzuhören, noch ehe es so richtig begonnen hatte.

Zum allerersten Mal in meinem Leben hörte ich bei einer geschäftlichen Entscheidung auf mein Gefühl. Und wer hätte das gedacht: Es war richtig!

Einer der Wendepunkte im Leben

Das ist jetzt fünf Jahre her. Ich habe meine Entscheidung keine Sekunde bereut. Nie. Sie war einer meiner „turning points“, in mehrerlei Hinsicht.

Ich brach aus meinem bisherigen „Karriere-Weltbild“ aus. Obwohl meine Eltern ein Unternehmen hatten, erschien es mir nie erstrebenswert, ihrem Vorbild zu folgen. Ich wollte Anerkennung in Form von Karriere in großen Unternehmen.

Selbstständig? Die damit realistisch erzielbaren Zahlen empfand ich als zu klein und zu bedeutungslos, den Einfluss zu gering.

Nun begann ich, mein Glück von der Anerkennung durch andere zu entkoppeln. Ich hörte und vertraute mehr auf mich selbst als auf das, was andere sagten. Ich hörte auf, eine Rolle zu spielen und besann mich nach Jahrzehnten der Verdrängung auf meine authentischen Qualitäten. Ich gab meinen Gefühlen die ihnen zustehende Bedeutung.

Es wurde mir mit knapp 50 Jahren erst bewusst, was mich wirklich antreibt und erfüllt. Und genau das führte mich weiter auf meinem Weg. Doch nicht, weil ich viele Stunden darin investierte, zu überlegen, sondern weil ich die naheliegenden Dinge einfach tat, OHNE – wie sonst – schon im Vorhinein den 83. Schritt danach zu kennen.

Das Positive an „Zeit gegen Geld“

Zeit gegen Geld zu tauschen, was ich in meinen Beratungsprojekten tat, ist auf lange Sicht nicht die beste Wahl, wenn es dir um Selbstbestimmung geht. Und bald merkte ich auch, dass ich im Grunde wieder weisungsgebunden war. Früher hatte ich einen Chef, jetzt einen Auftraggeber.

Mittlerweile war ich aufmerksam genug, um zu verstehen, dass meine Gefühle nicht von ungefähr kamen und ich ihnen auf den Grund gehen sollte, wenn ich nicht weitere Jahre verschwenden wollte.

Meine freiberufliche Tätigkeit war eine ideale Möglichkeit, um relativ sanft in die Selbstständigkeit überzugehen. Ich tat einfach das Naheliegende: Das, was ich immer getan hatte, auf eigene Rechnung. Dies ist aus meiner Sicht für viele ein prima Startpunkt, denn du kannst damit schnell Geld verdienen. Indem du „tust“ und nicht nur „denkst und abwägst“, wird dir schnell bewusst, was dir daran gefällt oder eben nicht.

Ich war nun bereit, mir gründlich und strukturiert Gedanken zu machen, was ich eigentlich wollte. Was zwei Jahre zuvor noch eine schwierige Frage gewesen war, war inzwischen sehr deutlich geworden: Ich wollte aufbauen. Unternehmen aufzubauen, das hatte mir immer am meisten Freude gemacht. Und das konnte ich auch!

Doch wen konnte ich damit am besten unterstützen? Leute, die Unternehmen aufbauen wollen, aber mein Know-how nicht haben! Und zwar genau diejenigen, deren Situation ich besonders gut nachempfinden kann, weil ich sie aus eigenem Erleben kenne: Führungskräfte im beruflichen Hamsterrad.

Das Geschäftsmodell entwickelte sich ganz logisch und natürlich

Im Nachhinein ist es absolut logisch, was ich heute mache. Endlich kam alles zusammen. Endlich wurde „ein Schuh daraus“. Alle Teile fielen an ihren Platz und mein Business-Modell war geboren.

Ich bin angekommen. Ich habe meine Freiheit, ich kann selbst bestimmen, tun, was ich für richtig halte und ich kann echt helfen. Von persönlichem Wachstum ganz zu schweigen, denn das ist es, was ich tagtäglich mache.

Ich habe in den letzten sechs Jahren so viel gelernt, wie in den 30 davor nicht – fachlich und persönlich. Und die Reise geht weiter. Ich weiß, dass ich nie mehr stehen bleiben und mich einschränken (lassen) will und ich bin erfahren genug, dass ich spüre, wann es Zeit ist, etwas zu verändern. Wer weiß, wohin das Leben mich treibt, doch eines weiß ich sicher: Es ist immer richtig.

Hast du auch eine Story, die es wert ist erzählt zu werden? 

Hast du etwas richtig tolles erlebt, etwas was außerhalb deiner Komfortzone lag und das nicht 0815 Status Quo war? Willst du damit mal so richtig auf den Tisch hauen und allen Menschen zeigen, was für eine Powerfrau in dir steckt?

Und vor allem andere Frauen damit inspirieren?

Oder aber du hast eine schwere Zeit durchlebt, hast alles überstanden und stehst jetzt mit erhobenem Kopf da. Willst du anderen Frauen zeigen, dass alles möglich ist, egal wie ausweglos eine Situation erscheinen mag?

Wir glauben: 

Every Woman has a Story. 

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