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Undercover Date – mit meinem eigenen Mann

Undercover Date – mit meinem eigenen Mann

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Blaulicht

„Kannst Du bitte meine Mails checken…ich hab Ebay-Lose laufen!?“, rief Sammy im Krankenwagen. „Aber klar, mach Dir keine Sorgen!“, rief ich zurück. Dann klappten die Türen zu und ein rotierendes Licht färbte die Umgebung in ein blinkendes Blau. Als der Wagen auf den Ring einbog, vernahm ich noch ein lautes Tatütata.

Der Notarzt hatte mich sehr ernst angesehen.

Am nächsten Morgen öffnete ich Sammys Mailbox und stolperte gleich über die oberste Nachricht: „Kater 25 – Sie haben eine Nachricht von Vicky“! Absender war der 50plus Treff, ein Datingportal für Leute über 50. Ich staunte nicht schlecht, denn ich fand auch noch Mails von Hanna, Susanne und anderen Ladies. Ich muss vorweg schicken, dass die Beziehung zwischen Sammy und mir seit geraumer Zeit nicht mehr richtig rund lief. Deshalb brach ich nach kurzem Zögern Sammys Vertrauen und las, was die Damen geschrieben hatten. Es war enttäuschend, nichts Tiefgründiges, sondern nur ein oberflächliches Hin- und Hergeschreibe zum Kennenlernen, gespickt mit ein paar erotischen Anspielungen für den Kater. „Manno – sind die alle blöd!“, dachte ich.

Viel weiter unten stieß ich jedoch auf eine Mail, die mir fast den Atem raubte. Sie war von einer Frau, die zu einer Gangbang gehörte, was das zum Teufel auch immer war. Wikipedia klärte mich auf. Anscheinend hatte sich Sammy bereits einige Male privat und in einem Club mit dieser Gruppe getroffen. Ich war komplett entsetzt.

In diesem Augenblick konnte ich ihn unmöglich darauf ansprechen, schließlich kämpfte er gerade auf der Intensivstation um sein Leben. Bei meinen Besuchen im Krankenhaus ließ ich mir deshalb nichts anmerken, denn gerade jetzt brauchte er wahrhaft etwas anderes als Vorwürfe.

Ich fühlte mich wie in einer Zwangsjacke und suchte nach einer eleganten Möglichkeit, mehr über meinen Lebenspartner zu erfahren. Darum beschloss ich, ihn Undercover zu daten.

Mit meiner neuen, extra dafür eingerichteten Mailadresse, meldete ich mich beim 50plus Treff an. Ich nannte mich Jeanette. Es war fast mein richtiger Name nur mit „Je“ davor. Ob es ihm auffallen würde?

Ich war gespannt und setzte die erste Mail an Sammy, alias „Kater 25“, ab.

 

 

Wieder daheim.

Anscheinend hatte ich meine Spuren in Sammys PC hinreichend gut verwischt. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus lief alles wie gewohnt weiter. Mehrfach täglich beantwortete er seine Mails – auch die von Jeanette, die fleißig zurückschrieb. Die beiden schienen auf einer Wellenlänge zu sein.

Es war köstlich. Sammy saß in seinem Arbeitszimmer, ich nebenan und wir korrespondierten miteinander – beziehungsweise er mit Jeanette. Oft saß er sogar bei mir im Zimmer und sah fern, während ich, nein, Jeanette, eine Mail an ihn schrieb. Er merkte nichts. Die Neue schien ihm gut zu tun, denn seine schwankende Laune verwandelte sich in ein Dauerhoch.

Meine „beiden Leben“ als Annette und Jeanette begannen, mir zu gefallen. Meine Kreativität lief auf Hochtouren und in meiner Fantasie wanderte ich durch die Welt der Jeanette, dieser nicht existenten Frau, die meinem Partner immer mehr zu gefallen schien. Manchmal glaubte ich, es gäbe sie tatsächlich. Es machte mir keine Probleme, fast täglich aus ihrem Leben zu berichten.

Jeanette wohnte in einem kleinen weißen Häuschen im Sachsenwald und hatte einen Kater. Er hieß MAU, denn das war das einzige Wort, das er sagen konnte. Sie war wie ich Künstlerin und malte. Sammy gefiel das sehr. Über ihren Mann berichtete sie, dass er ein bekannter Rechtsanwalt gewesen sei, der zum Straftäter wurde, weil er Mandantengelder veruntreut hatte. Als es für ihn brenzlig wurde, hätte er sich kurzerhand ins Ausland abgesetzt – ohne Jeanette, die den Hintergrund seines Verschwindens erst viel später erfuhr. Nun musste sich die arme Frau alleine durchs Leben schlagen. Die Hoffnung, eines Tages mit ihren Bildern bekannt und ein wenig wohlhabender zu werden, wollte sie nie aufgeben. So wie ich.

Mit Jeanette diskutierte Sammy ausgiebig über Kunst. Sie schien viel darüber zu wissen und er nahm alles gierig in sich auf. Ich kicherte innerlich, wenn Sammy mir beim Frühstück seine neuesten Weisheiten über Kunst präsentierte. Jeanette schien eine wirklich gute Lehrerin zu sein.

Sammy war neugierig auf ihre Bilder, ihr Haus und natürlich besonders auf SIE. Er konnte es kaum erwarten, sie endlich treffen zu dürfen. Sie hatte ihm ein Foto von sich geschickt und das gefiel ihm gut. Natürlich zeigte es nur eine wildfremde Frau aus der riesengroßen Bilderauswahl von Google, aber ich schien seinen Geschmack getroffen zu haben.

Komischerweise sprachen die beiden gar nicht über mich. Alle Fragen nach einer Frau an Sammys Seite blieben einfach unbeantwortet. Ich schien gar nicht existent zu sein. Stattdessen gestanden sie sich gegenseitig ihre Sehnsucht und schickten sich romantische Liebesschwüre. Sammy baggerte und er bewies, dass er darin noch immer Weltmeister war. Jeanette hielt ihn jedoch geschickt auf Abstand. Sie hatte ja noch so viele offene Fragen und außerdem hatte sie ihm ihre andere, delikate Seite noch gar nicht gezeigt. Den Gesprächsstoff steuerte sie. Von der Liebe zur Kunst und der Liebe im Allgemeinen lenkte sie das Thema schließlich auf die Erotik und dann zum Sex. Sie war sehr offen und Sammy sprühte vor Begeisterung, als sie ihm eines Tages einen Vorschlag machte.

Nach dreimonatiger Wartezeit wollte sie sich endlich mit ihm treffen. Sie hatte eine genaue Vorstellung davon, wie und wo dieses Treffen stattfinden sollte. „Komm, wir treffen uns draußen vor einem Swinger-Club.“, schrieb sie. „Wenn wir uns dort gegenüberstehen, merken wir ja, ob es zwischen uns funkt oder nicht. Wenn ja, gehen wir hinein. Wenn nicht, gehen wir irgendwo in aller Freundschaft einen Sekt trinken.“ Sie übertrug Sammy die Auswahl des Clubs und alles Organisatorische, was er prompt erledigte.

Während Sammy seinem Höhenflug mit Jeanette entgegen fieberte, plagten mich böse Zahnschmerzen und meine Wange und Lippe beulten sich aus. Der Zahnarzt verpasste mir daraufhin eine wunderbare Zahnlücke, die mich ungeheuer zierte.

In diesem unsäglichen Zustand passierte, was passieren musste. Michael, ein Rechtsanwalt aus Hamburg, funkte Jeanette über den 50plus Treff an. Da war er nun, der zweite Rechtsanwalt in Jeanettes Leben. Er wollte sie sofort treffen und fragte, ob sie Lust auf ein gemeines Abendessen hätte. „Warum nicht?“, dachte ich und vergaß völlig meine attraktive Zahnlücke…

Wir telefonierten kurz miteinander und ich kam wie verabredet am besagten Tag zu seiner Kanzlei. Wow – sie war in Hamburgs feinster Gegend, direkt an der Alster. Als ich den goldenen Klingelknopf drückte, ertönte eine Stimme: „Warte im Hausflur auf mich, ich komm gleich runter!“ Drinnen blickte ich mich vorsichtig um, denn ich vermutete überall Überwachungskameras. „Annette, Deine Zahnlücke…jetzt bloß nicht lächeln“, ermahnte ich mich. „Wer weiß, ob er Dich beobachtet.“ Nach einer Weile öffnete sich die Fahrstuhltür und ER kam um die Ecke… Er war ein kleiner, kugeliger Typ, der sich in einen Anzug mit Weste gequetscht hatte. Auf seinem Kopf thronte eine große, mit Pomade geschwängerte Schmalzlocke. Dieser Mann war ganz und gar nicht mein Typ und ich zwang mein Gesicht nicht nur wegen der Zahnlücke zu einem vorsichtigen Begrüßungslächeln. Er umarmte mich und schmatzte dabei 2 x in die Luft. „Sorry, ich ha..habe gerade eine Zahnlücke.“ stammelte ich verlegen. „Oh Gott“, entgegnete er kurz. „Warte draußen, ich hol das Auto“. Ich rechnete fest damit, dass dies sein Trick war, um mich galant wieder abzuschieben, doch ich hatte mich getäuscht.

Wenige Minuten später fuhr er im weißen Mercedes vor, offen und mit brüllend lauter Musik. „Einsteigen!“ rief er und dann rasten wir durch Hamburg. Es war, als säße ich nackt auf dem Beifahrersitz, denn der Fahrtwind blähte mein Kleid auf wie einen Luftballon. Ich flehte zum Himmel: „ Lieber Gott, bitte lass die Knöpfe halten!“ Im Restaurant angekommen standen meine Haare in alle Richtungen, so wie bei Pumuckl. Michaels Schmalzlocke hingegen thronte unverändert auf seinem Kopf.

Trotz meiner Zombie-Zahnlücke schien er Interesse an mir zu haben und verwickelte mich geschickt in ein Gespräch. Dabei fiel mein Blick immer wieder auf seine schmierige Locke und in den kurzen Gesprächspausen begann ich, die sorgfältig eingefärbten, blonden Strähnchen drin zu zählen.

„Der Typ geht gar nicht“, dachte ich. Zur Abschreckung offenbarte ich ihm den eigentlichen Grund, warum ich mich in einem Datingportal herumtrieb. Ich beschrieb ihm auch, wie ich mir den Ausgang der Geschichte von Sammy und Jeanette vorstellte.

 

Mein Plan

Der überpünktliche Sammy würde früh vor dem Swinger-Club auf Jeanette warten. Dann sollte ein Taxi vorfahren, natürlich nicht mit Jeanette, sondern mir. Ich wollte das Fenster herunterlassen und sagen: „Komm, steig ein – ich glaube wir haben Redebedarf!“

Michael prustete so heftig, dass seine Lippen vibrierten. „Bist Du wahnsinnig?!? Was glaubst Du wie verletzlich Männer sind? Der Kerl bringt Dich um! Ich bin Anwalt und kenne schließlich was davon. Ich kann Dir sofort 100 Fälle nennen.“

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Seine Argumente überzeugten mich und ich versprach, der Geschichte einen harmlosen und ungefährlichen Ausgang zu verpassen. Eigentlich wurde der Abend dann noch ganz nett. Das Essen war lecker und beim Abschied rief er mir besorgt nach: „Ich ruf Dich übermorgen an und werde fragen, ob Du noch lebst!“

 

Sammys Date

Jeanette dirigierte das Date tatsächlich um. „Ich finde es besser, wenn wir uns an der Bushaltestelle Rübenkamp treffen und dann gemeinsam mit dem Bus zum Club fahren.“, schrieb sie. „So haben wir die Gelegenheit uns schon ein bisschen zu beschnuppern! Was meinst Du?“

Am nächsten Tag ging Sammy fein herausgeputzt zu einer angeblichen Betriebsfeier. Ich wusste allerdings, dass er an der Bushaltestelle auf Jeanette wartete, doch die versetzte ihn. Weil er nicht zurückkam, machte ich mir Sorgen. Deshalb fuhr ich mit dem Auto an der Haltestelle vorbei. Dort stand er, vom Dauerregen völlig durchnässt und wie von Jeanette gefordert, tapfer eine rote Rose in der Hand haltend. Eine Stunde später kam er dann doch nach Hause.

„Die ist für Dich!“ sagte er und drückte er mir die rote Rose in die Hand. Ich wusste in diesem Augenblick nicht, was ich ihm darauf antworten sollte und machte erst einmal etwas zu Essen, denn er hatte Hunger.

Anschließend erzählte ich ihm von einer Frau, die angerufen hätte. Ihren Namen wüsste ich nicht mehr…es war so was Französisches.

„Jeanette??“, entfuhr es ihm.

„Ja, das könnte sein!“

„Was wollte sie?“

„Sie war mit Dir verabredet und stand unten vor Tür, weil sie wissen wollte, wo Du wohnst. Aber sie war über den zweiten Namen auf dem Klingelschild gestolpert und erkundigte sich nun, wer ich sei. Sie scheint ganz schön sauer auf Dich zu sein, weil Du ihr nichts von mir erzählt hast.“

Sammy ruderte und verstrickte sich immer mehr in seinen Ausreden. Nachdem er erkannt hatte, dass mir Jeanette reinen Wein eingeschenkt haben musste, zog er es vor, bereitwillig von seiner „Beziehung“ zu ihr zu berichten. Er schwärmte: „Sie ist eine tolle Frau, sehr intelligent und sie hat unglaublich Ahnung von Kunst. Sie ist Künstlerin. Was die alles zu erzählen weiß, da kommst Du nicht mit. Mit ihr kann ich mich über alles unterhalten, über wirklich ALLES……….“

Michael erkundigte sich am nächsten Tag nach meinem Befinden. Mir ging es gut, Sammy nicht so, denn Jeanette hatte ihm einen Abschiedsbrief geschickt und reagierte nicht mehr auf seine Mails. Irgendwie tat er mir leid und ich stellte keine weiteren Fragen, auch nicht zur Gangbang. Eigentlich wusste ich ja schon alles. Meine Retourkutsche auf der einen Seite genial, auf der anderen Seite plötzlich erbärmlich.

Wenige Monate später trennten wir uns in Freundschaft, hielten aber steten Kontakt. Zum Glück fand er eine neue Partnerin und lud mich zwei Jahre später zur Hochzeit ein – ohne Michael, denn der blieb chancenlos, auch wenn sein Ratschlag sehr wertvoll gewesen ist.

Sammy hat nie erfahren, dass Jeanette nur eine Kunstfigur war, die ich mit viel Fantasie erschaffen hatte, um mehr über ihn zu erfahren. Heute bin ich über mein Schweigen sehr froh, denn nur so konnten wir bis zu seinem Tod im letzten Frühjahr gute Freunde bleiben. Jeanette hatte uns gezeigt, dass wir uns sehr gut verstanden – nur eben nicht auf allen Sektoren und das zu akzeptieren, war für mich kein Problem mehr.

 

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