Now Reading
Vielleicht haben wir Ambitionen zu lange mit Aufstieg verwechselt
Dark Light

Vielleicht haben wir Ambitionen zu lange mit Aufstieg verwechselt

The Bold Woman Redaktion
woman leaning on black handrail

Eine Begriffsklärung, die längst überfällig ist

Das Bild, das wir geerbt haben

Die Karriereleiter ist eines der wirkmächtigsten Bilder unserer Arbeitskultur. Es steckt in der Sprache – „aufsteigen”, „weiterkommen”, „den nächsten Schritt machen” –, in der Art, wie Lebensläufe gelesen werden, wie Jahresgespräche geführt werden, wie Bewerbungsschreiben formuliert sein sollten. Das Bild funktioniert, weil es Richtung gibt: oben ist besser als unten, mehr ist besser als weniger, Sichtbarkeit ist besser als Stille.

Was dieses Bild dabei voraussetzt, ist selten Gesprächsthema: dass Fortschritt immer vertikal verläuft. Dass jede Phase der Kompetenz, jede Reifung des Urteilsvermögens, jede Vertiefung von Expertise in ein sichtbares Aufwärts übersetzt werden muss. Und dass Menschen, die sich dieser Logik entziehen – bewusst oder nicht –, sich rechtfertigen müssen, wo andere es nicht tun.

Wenn das nächste Level nicht mehr das Ziel ist

Stell dir vor – rein als Gedankenspiel –, jemand hätte in einem Unternehmen mehrere Jahre lang Verantwortung übernommen, ein Team aufgebaut, Projekte vorangetrieben. Der nächste Schritt liegt auf der Hand, er wird von allen erwartet, vielleicht sogar schon stillschweigend als gegeben behandelt. Und dann sagt diese Person: Nein, danke.

Nicht weil sie erschöpft ist. Nicht weil sie sich unterschätzt fühlt. Sondern weil sie etwas anderes will. Mehr Konzentration auf das Inhaltliche. Weniger Sitzungen, mehr Gestaltung. Weniger Führung von Menschen, mehr Tiefe in einem bestimmten Bereich.

Die Reaktionen auf eine solche Entscheidung sind aufschlussreich. Das Umfeld reagiert häufig mit Verwunderung, manchmal mit Sorge, gelegentlich mit einer kaum verhohlenen Deutung: Vielleicht stimmt etwas nicht. Vielleicht hat sie die Energie nicht. Vielleicht traut sie sich nicht. Der Gedanke, dass eine solche Entscheidung aus einer eigenen Logik heraus getroffen werden könnte – aus einer anderen, aber genauso ernsthaften Vorstellung von dem, was man aus der eigenen Arbeit machen möchte –, findet seltener Raum.

Das liegt nicht an böswilliger Absicht. Es liegt daran, dass wir kein gut entwickeltes Vokabular für Ambition besitzen, die sich nicht unmittelbar in Aufstieg ausdrückt.

Was sichtbar ist, gilt

Die Frage, welche Formen von Ambition überhaupt wahrgenommen werden, ist eine kulturelle Frage. Titel und Hierarchiestufen sind lesbar. Umsatzzahlen sind lesbar. Mitarbeiterzahlen, Presseerwähnungen, Boardpositionen – all das lässt sich erfassen und einordnen. Was sich schwerer erfassen lässt: die Entscheidung, eine Arbeit mit außergewöhnlicher Akribie zu machen, anstatt mehr Arbeit mit ausreichender Sorgfalt. Die Wahl, eine Expertise so zu vertiefen, dass man in einem bestimmten Gebiet unersetzlich wird, anstatt breiter und sichtbarer zu werden. Die bewusste Fokussierung als strategische Entscheidung, nicht als Rückzug.

Diese Formen von Ambition existieren. Sie treiben Menschen an, manchmal über viele Jahre. Aber weil sie sich nicht ohne weiteres in eine Rangliste übersetzen lassen, werden sie im beruflichen Umfeld häufig entweder übersehen oder falsch gedeutet. Als Bescheidenheit. Als fehlende Durchsetzungskraft. Als Mangel an Hunger.

Das wirft eine ernstere Frage auf: Wenn wir Ambition nur in der Form anerkennen, die Institutionen am leichtesten verwalten können – Titel, Hierarchie, Budget –, was sagen wir dann eigentlich über Ambition aus? Und was sagen wir über die Menschen, deren Antrieb in anderen Dimensionen liegt?

Richtung als Alternative zur Stufe

Es gibt ein alternatives Bild, das weniger prominent ist, aber vielleicht treffender: Ambition als Richtung statt als Stufe. Nicht wohin auf einer Leiter, sondern wohin grundsätzlich – und warum.

Richtung bedeutet: mehr Gestaltungsspielraum. Tiefere Wirkung in einem bestimmten Bereich. Größere inhaltliche Unabhängigkeit. Mehr Kontrolle über die eigene Zeit und die Qualität der Arbeit. Freiheit, Entscheidungen nach eigenen Kriterien zu treffen. Das sind keine kleinen Ziele. Sie sind in manchen Kontexten schwieriger zu erreichen als die nächste Beförderung – weil sie nicht in einem standardisierten Verfahren vergeben werden, sondern erkämpft, ausgehandelt oder selbst geschaffen werden müssen.

Wer Ambition als Richtung versteht, ist nicht weniger angetrieben. Aber der Antrieb richtet sich anders aus: nicht nach außen auf eine Position, sondern nach innen auf eine eigene Definition dessen, was man als Zufriedenheit definiert.

Das klingt zunächst nach einer persönlichen Präferenz. Es ist aber auch eine strukturelle Frage. Solange Karrieresysteme Erfolg fast ausschließlich in vertikalen Kategorien messen, werden bestimmte Formen von Exzellenz und Engagement systematisch unterbewertet. Und solange das so ist, tragen vor allem Menschen die Kosten, die sich dieser Logik widersetzen wollen – nicht weil sie weniger wollen, sondern weil sie etwas anderes wollen.

Die soziale Reibung des Andersseins

Wer einmal eine klare Karrieretrajektorie eingeschlagen hat, merkt oft erst später, wie viel soziales Gewicht diese Trajektorie mit sich bringt. Das Umfeld – Kolleginnen, Vorgesetzte, manchmal auch Familie – entwickelt Erwartungen. Ein bestimmtes Selbstbild entsteht, das über die Zeit auch vom Außen mitgeprägt wird. Und wer sich dann entscheidet, diese Bahn zu verlassen oder zumindest zu verlangsamen, stößt nicht nur auf externe Verwunderung, sondern auch auf interne Reibung.

See Also
female storytelling The Bold Woman

Denn ein Teil dieser Ambition – die nach außen gerichtete, die auf Anerkennung durch andere setzt – ist nicht unbedingt fremd oder falsch. Sie ist menschlich. Der Wunsch, gesehen zu werden, respektiert zu werden, eine Wirkung zu haben, die andere wahrnehmen können – das sind keine Schwächen. Aber sie werden problematisch, wenn sie die einzige Währung werden, in der Erfolg bemessen wird.

Sich davon zu lösen – oder zumindest ein kritischeres Verhältnis dazu zu entwickeln – ist keine einfache psychologische Übung. Es ist ein kultureller Prozess, der Zeit braucht und der oft mit einem Gefühl von Verlust verbunden ist, auch wenn das Ergebnis eine eigenständigere Form von Ambition ist.

Größe ist keine Frage der Richtung

Ein wichtiger Einwand muss hier formuliert werden: Dieser Artikel darf nicht als Plädoyer dafür gelesen werden, kleiner zu denken. Für manche Frauen bedeutet „Erfolg nach ihren eigenen Maßstäben definieren” gerade das Gegenteil von Rückzug – es bedeutet, so groß zu denken, wie sie es für richtig halten, ohne die Einschränkungen, die ein Unternehmensrahmen auferlegt. Es bedeutet, ein eigenes Unternehmen aufzubauen, eine eigene Reichweite zu entwickeln, eine eigene Agenda zu setzen.

Die Pointe ist nicht, dass weniger besser ist. Die Pointe ist: Wem gehört die Definition von Erfolg? Wer legt fest, was „viel” bedeutet, was „weit” bedeutet, was „gewirkt haben” bedeutet?

Ambition, die aus einer eigenen Antwort auf diese Fragen heraus entsteht, ist etwas anderes als Ambition, die einfach den nächsten erwartbaren Schritt vollzieht. Das gilt für alle Richtungen. Wer bewusst nach oben strebt, weil das wirklich das ist, was sie will, trifft eine genauso eigene Entscheidung wie jemand, der bewusst die Tiefe wählt. Entscheidend ist nicht die Trajektorie. Entscheidend ist, ob die Entscheidung wirklich die eigene war.

Was bleibt, wenn man das Bild wechselt

Wenn das dominante Bild – die Leiter, das Aufwärts, die nächste Stufe – auch nur ein Bild unter möglichen ist, verändert sich etwas in der Wahrnehmung. Nicht alles, aber etwas Wesentliches.

Karriereentscheidungen können dann neu befragt werden – nicht danach, ob sie dem Standard entsprechen, sondern ob sie zu einer eigenen Logik passen. Erfolg lässt sich differenzierter lesen. Und Ambition – dieses viel bemühte, viel beladene Wort – bekommt mehr Spielraum.

Vielleicht ist die interessanteste Frage nicht, ob eine Frau ehrgeizig genug ist. Sondern: Ehrgeizig in Bezug auf was genau – und nach wessen Maßstab?

View Comments (0)

Leave a Reply

Your email address will not be published.


© 2025 The Bold Woman. All Rights Reserved.

theboldwoman.co
Privacy Overview

This website uses cookies so that we can provide you with the best user experience possible. Cookie information is stored in your browser and performs functions such as recognising you when you return to our website and helping our team to understand which sections of the website you find most interesting and useful.