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Aufstehen beginnt im Kopf! Mein Weg aus der völligen Bewegungslosigkeit zurück ins Leben.

Aufstehen beginnt im Kopf! Mein Weg aus der völligen Bewegungslosigkeit zurück ins Leben.

Marion Bender
Aufstehen beginnt im Kopf - The Bold Woman

Aufstehen oder liegenbleiben? Das Leben fordert uns mal mehr, mal weniger immer wieder auf, diese Entscheidung ganz bewusst für uns zu treffen.

In meiner Geschichte ging es darum wortwörtlich.

Als ich am 26. Juni 1994 morgens aufwachte, wusste ich nicht, dass dieser Tag  mein Leben komplett verändern würde.

Ähnlich schon wie der Tag meiner Geburt im April 1973 das Leben meiner Familie völlig unvorbereitet verändert hat. Ich startete in mein Leben mit einer für alle sichtbaren Behinderung, einer Lippen Kiefer Gaumen Spalte. Ich hatte bis zu meinem 18. Lebensjahr 16 Operationen und habe viel Zeit bei Ärzten und Therapeuten verbracht.

Ich selbst empfand mich im Inneren als ein „normales“ Kind.

Das Außen spiegelte mir jedoch sehr schmerzhaft: „Du bist nicht richtig, so wie du bist. Du bist anders!” Hänseleien, heute würde man es Mobbing nennen, waren an der Tagesordnung für mich.

Kraft und Lebensfreude fand ich dafür bei den Tieren, in der  Natur, darin immer in Bewegung zu sein und in meiner begeisternden Neugierde für das Leben.

Rückblickend habe ich schon in dieser prägenden Zeit gelernt, den Mut zu haben, anders zu sein, sich nicht seinen eigenen Wert als Mensch von Außen bestimmen zu lassen. Dass sich diese Resilienz später noch einmal nutzen sollte, um mir selbst mein Leben zu retten, war mir allerdings nicht klar.

Die Pferde – die Bewegung – meine Leidenschaft

Die Liebe zu den Pferden habe ich schon mit der Muttermilch aufgesogen. Ich saß schon auf dem Pferd, bevor ich überhaupt laufen konnte. Mit 12 Jahren startete ich erfolgreich bei meinem ersten Springturnier, an dem Ort, der noch sehr prägend für mein Leben sein würde.

Beim Reitsport war mein Motto „Lieber tot als Zweite!“ Dies hätte sich sogar fast bewahrheitet.

Bewegung war mein Leben und als Leistungssportlerin war ich in vielen Sportarten unterwegs.

Der 26. Juni 1994 hat mein Leben und das meiner Familie komplett auf den Kopf gestellt!

Ich startete bei dem Reitturnier am Wohnort meiner Großeltern, wo ich 9 Jahre zuvor meine „Reiter Karriere“ begonnen habe. Es war ein sehr heißer Tag und ich startete in der Springprüfung mit meinem 6- jährigen Pferd „Winzer“. Der Parkour – Beginn war wie immer. Vor dem vorletzten „Ochser“ Hindernis zögerte „Winzer“, doch ich entschied entschlossen weiter zu reiten. „Winzer“ blieb mit seinen Hufen am Hindernis hängen und wir überschlugen uns. Ich landete im Sand und „Winzer“ fiel mit seinen um die 500 kg Körpergewicht auf mich. Ich spürte sofort schulterabwärts nichts mehr und konnte mich nicht mehr bewegen. Ich sagte sofort zu meinem heran geeilten Vater: „Papa, Scheiße, ich bin querschnittgelähmt. So will ich nicht leben!“ Als junge Frau und Leistungssportlerin war eine Querschnittlähmung, mich nicht mehr „normal“ bewegen zu können ein „no go“ – dann würde ich lieber sterben!

Das Krankenhaus

Mit dem Notarztwagen wurde ich in die Gießener Uniklinik gebracht und dort zwei Mal operiert. Die von mir befürchtete Diagnose Querschnittlähmung wurde von den Ärzten bestätigt. Das war hart für meine Familie, doch die Prognose der Experten war wie ein Faustschlag ins Gesicht: „Seien Sie froh, wenn ihre Tochter überhaupt wieder sitzen und den Elektrorollstuhl mit dem Mund bedienen kann!

Wenn ich auch heute noch mit meiner Familie über diese „Ausnahmesituation“ spreche, kann ich spüren, wie hart diese Prognose für sie damals war.

Damals wusste ich selbst von dieser Prognose nämlich nichts, denn glücklicherweise haben mir die Ärzte dies nicht gesagt.

Ich hatte auf der Intensivstation mehr mit der aktuellen  Herausforderung zu kämpfen: Wie bekomme ich die Fliege aus dem Gesicht, wenn ich meine Arme nicht bewegen kann?!

Nach einigen Tagen wurde ich mit dem Hubschrauber nach Heidelberg – Schlierbach in die Rehaklinik gebracht.

Dort sollten noch weitere lebensbedrohliche Herausforderungen auf mich zukommen.

Ich bekam Fieber und spürte, dass ich Schwierigkeiten beim Schlucken hatte. Einige Tage später erkannten auch die Ärzte diese lebensbedrohliche Situation. Beim Einsetzen der Platte zur Stabilisierung meiner Halswirbelsäule  war die Speiseröhre verletzt worden und die Nahrung lief in den Hals. Eine Fistel entstand und ich wurde in den nächsten Monaten noch fünf mal an der Speiseröhre operiert.

Da lag ich nun im Bett, bewegungslos in völliger Abhängigkeit von den Menschen um mich herum. Ich wurde über eine Magensonde ernährt, der Speichel musste rund um die Uhr abgesaugt werden. Ich bin meiner Familie heute noch so dankbar, die sie in dieser Zeit für mich da war. Meine Mutter saß viele Wochen fast ohne Unterbrechung, Tag und Nacht an meinem Bett.

Das Leben hat mich beschenkt, in solch eine wundervolle Familie hineingeboren zu sein!

Mein Umgang mit dieser Situation – plötzlich ist alles anders

Mit dieser neuen Situation der Bewegungslosigkeit machten sich Orientierungs- und Perspektivlosigkeit in meinem Kopf breit. Es meldeten sich Zweifel, ob dieses Leben für mich überhaupt noch einen Sinn macht. Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Situation, als wieder eine Operation anstand und ich verzweifelt meine Mutter bat: „Mama, ich will nicht mehr! Gib mir eine Spritze – es ist genug!“

Ich war an einem Punkt in meinem Leben angekommen, der mich zu einer bewussten Entscheidung aufgefordert hatte:

Entweder bleibe ich liegen, gebe auf und sterbe oder ich stehe innerlich auf und entscheide mich für das Leben.

Ich habe mich für das Leben entschieden!

Ich sagte zu mir selbst: „Ich hole mir mein Leben zurück! Ich weiß noch nicht wie und was in diesem neuen Leben auf mich wartet. Doch eins weiß ich – es wird richtig gut sein!

Diese damals bewusste Entscheidung – ohne Plan B und ohne zu wissen wie – war ein extrem wichtiger Wendepunkt in meinem Leben!

Ich habe erfahren, was für eine Kraft in uns allen steckt, wenn wir wirklich bewusste Entscheidungen treffen und damit die volle Verantwortung für uns, unser Leben übernehmen.

An meiner aktuellen Situation änderte sich im Außen erstmal nichts, doch ab diesem Zeitpunkt erwachte eine innere Kraft in mir und es kamen neue Möglichkeiten und Menschen in mein Leben.

Da war „Gisela“, eine Krankenschwester. Die Liebe zu den Pferden verbindet uns und sie übte unermüdlich mit mir, Schritt für Schritt alltägliche Dinge wie Zähneputzen, Hose hochziehen oder mit dem Löffel essen Die Fortschritte waren kaum sichtbar, doch ich habe unermüdlich weiter geübt und jeden Tag neu ausprobiert, was heute schon ein klein wenig besser ging als gestern.

Für die Menschen um mich herum war das nicht leicht zu sehen, wie ich um jedes bisschen mehr Bewegung gekämpft habe.

Ich erinnere mich schmunzelnd an eine Situation: Als ich nach fünf Monaten wieder im Speisesaal eine Suppe essen durfte, habe ich es nur schwer geschafft, die Suppe sicher bis in meinen Mund zu befördern. Eine Freundin hatte „Mitleid“ mit mir und hat mich gefüttert. Schwester Gisela kam um die Ecke und sie ließ erschrocken den Löffel fallen – erwischt!

Die Liebe zum Leben und zu den Pferden verbindet

Ich saß noch nicht lange in meinem Rollstuhl, da kam ein Bär von Mann auf Rädern in mein Zimmer gerollt – “Bernhard”.

Er strahlte und mein erster Gedanke war: „Im Rollstuhl sitzen und lachen – wie passt das zusammen?” Er schwärmt von seinem Pferd und schon hatte er mich. Einige Tage später saß ich mit Halskrause neben ihm auf seiner umgebauten Kutsche und wir fuhren gemeinsam durch die Natur. In dem Moment wusste ich: „Es gibt auch ein Leben im Rollstuhl und das kann sogar richtig Spaß machen!

Durch diese Erfahrung ist mir auch heute mein ehrenamtliches Wirken als Peer so wichtig – frisch verletzten Menschen im Rollstuhl und ihren Angehörigen zur Seite zu stehen. Ich möchte ihnen Mut machen dran zu bleiben, den Raum für Möglichkeiten und einer positiven Zukunft zu öffnen.

Was ich gerade in dieser Zeit nach meinem Reitunfall gelernt habe, ist dankbar Hilfe anzunehmen. Vor meinem Unfall wollte ich alles selbst machen, Hilfe annehmen habe ich für mich als Schwäche angesehen. Heute weiß ich es besser! Hilfe dankbar annehmen zu können ist heute für mich eine Stärke. Nach meinem Unfall war ich komplett auf Hilfe angewiesen – ja, ich wäre ohne die Hilfe der Menschen um mich herum wohl gestorben. Auch heute brauche ich noch in gewissen Situationen Hilfe, vor allem wenn ich alleine verreise. Gleichzeitig kann ich heute auch Menschen unterstützen, ihnen Kraft, Hoffnung und Zuversicht schenken.

Die Entlassung nach Hause naht – Juhuu oder Drama?

Nach 11 Monaten wurde ich nach Hause entlassen. Das sollte ein Grund sein, sich zu freuen oder?

Dem war aber nicht so. Ich wollte nicht nach Hause! Das Krankenhaus war für mich zu einem geschützten Raum geworden. Ich hatte neue Freunde gefunden, die „italienischen Mamas“ haben lecker für mich mit gekocht und auch von meiner Familie war immer jemand da. Wenn ich geklingelt habe, wurde mir geholfen, alles um mich herum war barrierefrei und im Rollstuhl zu sitzen war nichts besonderes. Ich hatte Angst, was mich Zuhause, im alten Alltag, erwarten würde.

Naja, meine Argumente haben keinen besonders großen Einfluß auf die Entscheidung der Ärzte gehabt, wie du dir sicher denken kannst.

Ich kam in dem sehr heißen Monat Mai 1995 nach Hause.

Und da war es: das große Loch!

Das Leben um mich herum ging weiter, eigentlich war ich auch der gleiche Mensch geblieben und doch war alles anders. Ich saß da in meinem Elektrorollstuhl, fühlte mich als Belastung für meine Familie und wusste nicht, wo mein Platz in dieser Gesellschaft ist. Gab es den überhaupt noch für mich? Ich bin auch heute noch meiner Familie unendlich dankbar, dass sie es mir ermöglicht hat, wieder nach Hause zu kommen – denn die Alternative wäre das Altersheim gewesen – mit 22 Jahren.

Das Leben geht weiter

Heute in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Peer der Fördergesellschaft für Querschnittgelähmte erlebe ich, dass gerade junge Menschen im Rollstuhl nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ins Elternhaus zurückkehren und wieder das „Kind“ sind. Oder, wenn das nicht möglich ist, in ein Pflegeheim kommen.

Diese Erfahrung treibt mich heute an, mich mit Investoren wie Paul Misar für neue Wohnformen „selbstbestimmt mit gemeinsamer Assistenz zu leben” einzusetzen.

Wenn ich heute auf meinen Weg zurück schaue, bin ich zutiefst dankbar für all die Erfahrungen, die ich gemacht habe. Dankbar für all die Menschen und Tiere, die mich auf meinem Weg begleitet haben.

Ich sehe heute meinen Reitunfall als Geschenk des Lebens an mich.

Warum wirst du dich vielleicht fragen.

Meine Physiotherapeutin, die mich schon seit dem Beginn meiner Rollikarriere kennt, fragte mich einmal: „Marion, du würdest doch sicher gerne mit einem Fußgänger tauschen, oder?“ Meine Antwort überraschte sie: „Nein, ich möchte mit Niemandem tauschen! Das ist mein Leben und ich liebe es! Ohne diesen Weg „gegangen“ zu sein, wäre ich heute nicht der Mensch, der ich heute bin.

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Meine Erkenntnisse auf meinem Weg

Ich glaube, dass ich diesen Weg, diesen Reitunfall unbewusst gewählt habe. Bewusst wäre ja irgendwie blöd, oder?

Das bedeutet nicht, dass ich nicht happy wäre, wenn ich wieder laufen könnte, doch ich mache mein Glück nicht davon abhängig.

Kennst du das auch, von dir oder anderen Menschen?  „Wenn ich das erreicht habe, dann bin ich glücklich. Wenn sich meine aktuelle Situation verändert hat, dann bin ich glücklich!

Wirklich? Ist das so?

Ich denke, wenn wir unser Glück davon abhängig machen, dass wir bestimmte Ziele erreichen, werden wir nie richtig glücklich sein..

Wir  werden weiter nach neuen Zielen Ausschau halten und nie zufrieden sein. Das macht für mich keinen Sinn!

Wenn wir, du und ich uns täglich dafür entscheiden glücklich zu sein und erkennen, dass niemand anderes für unser Glück verantwortlich ist als wir selbst – dann können wir wirklich den Moment genießen und werden immer unabhängiger von dem was gerade im Außen geschieht.

Bewusste Entscheidungen treffen, sich für das Leben entscheiden, sich nicht in eine Schublade stecken zu lassen und sich von Anderen sagen zu lassen, was geht und was nicht geht, Hilfe dankbar annehmen können, dankbar zu sein, dass ich lebe. All das sind Learnings auf meinem Weg, die ich heute aus tiefstem Herzen als Keynote Speaker, Bestsellerautorin und Workshop-Veranstalterin teile.

Ich möchte kein Mitleid für meine Geschichte – ganz im Gegenteil! Ich möchte mit meinen Erkenntnissen, die ich nicht aus Büchern gelernt habe, Menschen Hoffnung, Zuversicht und den Mut, neue Wege zu beschreiten, schenken.

Ich glaube daran, dass jeder von uns hier auf der Erde ist, um selbstbestimmt sein Leben zu leben und sich von Niemandem sagen zu lassen, was geht und was nicht.

Hinterfrage die Grenzen, die du von Außen gesetzt bekommst und vor allem auch die, die du dir selbst auferlegst.

Ich wäre heute nicht da wo ich bin, ich könnte nicht aufstehen und 100 Meter gehen, immer noch weitere Fortschritte machen, wenn ich damals den Prognosen geglaubt hätte.

Auch heute noch höre ich Experten sagen: “Marion, das kannst du gar nicht können! Das steht so nicht in unseren Büchern!” Ich lächle und sage: “Und ich tu´s trotzdem!”

Es ist so viel mehr möglich, als unser Kopf uns glauben lässt! Wir sind das größte Geschenk für die Welt, wenn wir wirklich unseren Weg gehen und nicht mehr das äußere Umfeld dafür verantwortlich machen, wenn wir nicht für uns weitergehen.

Wenn du mal wieder am Boden liegst, dann denke daran: “Aufstehen beginnt im Kopf!

Hinzufallen ist keine Schande! Wichtig ist es, immer wieder aufzustehen!

So schön, dass es DICH gibt!

Hast du auch eine Story, die es wert ist erzählt zu werden? 

Hast du etwas richtig tolles erlebt, etwas was außerhalb deiner Komfortzone lag und das nicht 0815 Status Quo war? Willst du damit mal so richtig auf den Tisch hauen und allen Menschen zeigen, was für eine Powerfrau in dir steckt?

Und vor allem andere Frauen damit inspirieren?

Oder aber du hast eine schwere Zeit durchlebt, hast alles überstanden und stehst jetzt mit erhobenem Kopf da. Willst du anderen Frauen zeigen, dass alles möglich ist, egal wie ausweglos eine Situation erscheinen mag?

Wir glauben: 

Every Woman has a Story. 

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