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Herausforderungen alleinerziehender Mütter: Meine SOS Liste für dich

Herausforderungen alleinerziehender Mütter: Meine SOS Liste für dich

Johanna von Wendt
Herausforderungen alleinerziehender Mütter

Aus dem Leben einer alleinerziehenden, arbeitenden Mutter

Vor ein paar Wochen war ich kurz bei meiner besten Freundin Jule. Ich musste eine Jacke abholen, die ihr Sohn meinem Sohn für den nächsten Tag ausleihen wollte, damit dieser bei einem Ausflug mit seinem Vater nicht frieren musste. Die überarbeitete und gestresste Mutter (also, ich) konnte seine Jacke nämlich einfach nicht finden, geschweige denn sich daran erinnern, wo das Teil sein könnte.

Es war 21:30 Uhr und ich hatte nicht eine einzige Minute Pause an diesem Tag gehabt. Wirklich. Keine. Pause. Gegessen hatte ich einen Müsliriegel während eines Meetings und auf der Autofahrt ein nahrhaftes Abendessen vom goldenen M. 

Ich war wirklich, wirklich gestresst. Immer noch. Auch um 21:30 Uhr an einem Mittwochabend nach einer kurzen Arbeitswoche und vor einem langen Wochenende. 

Zu Hause warteten zwei streitende Kinder, die nun für einen Moment friedlich waren, um noch kurz in ihren Tablets zu versinken, während ich mich um die Jacke kümmerte. 

Ich kam also zu Jule, samt Mann und zwei Söhnen.

Und damit kam ich in ein Haus der Entspannung. Der Geborgenheit. Des friedlichen Miteinanders. Ich sah heißen Tee auf dem Tisch und einen Film im TV. Der eine Sohn war mit seinem Papa „oben“, der andere Sohn mit seiner Mama „unten“.

Jeder bekam das, was er brauchte. Ich sah glückliche, entspannte Gesichter. Zufriedene Freitag-Abend-Gesichter von Menschen, die sich nach einer wilden (okay, kurzen) Woche auf den Abend mit der Familie freuten. 

Ich bin seit 1,5 Jahren getrennt erziehend. 

Wir teilen die Betreuungszeiten etwa 40 % (der Papa) und 60 % (Ich). 

Ich würde sagen, die Verantwortlichkeiten liegen bei 30 % (der Papa) und 70 % (Ich).

Ich arbeite 35 Stunden pro Woche.

Ich trage zu 100 % die finanzielle Verantwortung für meine Kinder und mich. 

Ich kümmere mich um Kleidung, Mahlzeiten, Schulthemen, Hausaufgaben, KiTa-Dinge, Arztbesuche, Hobbies (Tennis, Fußball, Schwimmabzeichen – alles von den Kindern ausgesucht und gewünscht), Einkäufe, Haushalt, Meerschweinchen, Tierarzt-Besuche, Geburtstags-, Weihnachts- und Ostergeschenke. Ach, ich könnte die Liste noch weiter führen.

Und ich bin komplett ausgebrannt.

Manchmal vergisst man selbst, wie schwer es als alleinerziehende Mutter ist

Als ich nach meinem Kurzbesuch bei Jule wieder im Auto zurück zu meinen Kindern saß, war da ein dicker Kloß in meinem Hals. 

Wann hatten meine Kids und ich zuletzt so einen entspannten Abend miteinander verbracht? Und ja, auch diese Familie ist keine RAMA-Familie. Natürlich nicht. Niemand ist das. Stress und Streit sind überall irgendwo zu finden.

Aber es ging mir ums Gefühl, das dort spürbar war. Geborgenheit. Miteinander. Bedürfnisse erfüllen zu können, ohne sich zerreißen zu müssen. 

Dieser Moment bei meiner Freundin Jule war so, so schwer für mich. Weil er mir gezeigt hat, was meine Kinder gerade nicht haben und was ich gerade nicht habe. 

Ich weiß, dass ich mich immer noch glücklich schätzen kann, denn alleine die Tatsache, dass ich finanziell und persönlich in der Lage war, mich zu trennen als es nicht mehr ging, ist ein Privileg.
Alleine für meine Jungs und mich sorgen zu können, ist ein Privileg.
Einen gut bezahlten und vollkommen flexiblen Homeoffice-Job zu haben, ist ein Privileg.

Ich weiß, spätestens jetzt denkst du vielleicht:

Hä? Was beschwert sie sich? Sie kann doch die Maschinenwäsche während der Arbeit waschen?

Alles in allem ist mein hoch stressiges Leben, immer noch ein sehr privilegiertes Leben. Und trotzdem ist das gerade die mit Abstand schwierigste Phase meines bisherigen Lebens. Niemals nie zuvor war ich jemals so am Anschlag, wie in den letzten 1,5 Jahren. Trotz aller Privilegien. 

 

Wir brauchen als alleinerziehende Mütter mehr Support

Am liebsten würde ich immer wieder schimpfen, wie viel Last bei allein- und getrennt erziehenden Müttern liegt. Wie viel mehr äußeren Support es bräuchte. Hilfsangebote, psychosozial, aber auch rein praktisch und auch finanziell. 

Wie viele Arme, Gehirne und Beine soll ein Mensch, eine alleinerziehende Mutter, denn haben, um alles, was anfällt zu bedenken und zu erledigen?

Der Punkt ist aber: uns werden diese zusätzlichen Arme, Gehirne und Beine nicht wachsen.

Und es wird auch kein Retter in der Not kommen.

Jedenfalls, dieser Abend hat wirklich etwas in mir bewirkt.

Zum einen hat er mir gezeigt, was ich nicht habe.

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Zum anderen hat er aber irgendwie auch meine Selbstheilungskräfte wieder aktiviert.

Diese Selbstheilungskräfte habe ich nämlich. Die hast du auch, und die haben auch alle anderen. Wir können manchmal schwer darauf zugreifen. Aber sie sind da. Denn es gibt immer Schräubchen, und seien es nur ganz kleine, an denen können wir drehen. Und manchmal reichen die kleinsten Veränderungen aus, um wirklich größere Auswirkungen zu erzielen, die alles ein bisschen leichter werden lassen. 

 

Meine SOS Liste für die Herausforderungen alleinerziehender Mütter –  von mir selbst erprobt

Also teile ich hier mit dir den Startschuss meiner SOS-Liste, die ich in den 24h nach diesem Besuch bei Jule angefertigt und umgesetzt habe. Vielleicht ist sie dir eine Inspiration, dich hinzusetzen und deine eigene Liste zu erstellen. 

Ziel der Liste: Mehr solcher entspannten, friedlichen, bedürfnis-gestillten und geborgenen Momente mit meinen Jungs und für mich selbst zu erschaffen. Das Gefühl zu erreichen von:
So, wie es gerade ist, ist es okay. 

Bedingungen der Liste:
Smart. Umsetzbar. Machbar, mit den Kapazitäten, die ich habe. Kein Over-Engineering, sondern alltagsnahe und machbare Dinge. 

 

Die ersten vier Dinge, die ich mir aufgeschrieben habe, will ich mit dir teilen, denn sie sind die Grundlage für alles, was danach kommt:

  1. Annehmen, anerkennen und akzeptieren, was ist. Die Situation als Getrennt- und Alleinerziehende ist krass. Es ist eine wahnsinnige Belastung, der Mental Load ist riesig, Regenerationszeiten kurz. Es ist okay, dass es eine Zeit der Anpassung an diesen neuen Zustand braucht. Es ist absolut verständlich und nachvollziehbar, dass es beizeiten sehr schwer ist. Und gleichzeitig gibt es immer auch Dinge, die laufen schon gut! Die klappen, und für diese Dinge dürfen wir uns selbst auf die Schultern klopfen. Also: annehmen, dass es schwer ist und den Fokus für das, was gut läuft, gleichzeitig nicht verlieren.
  2. Weg mit der Opferhaltung. Ja, ich würde mir wünschen, mehr Verantwortlichkeiten an den Vater der Kinder abtreten zu können, aber vieles liegt nicht in meiner Hand. Und die Opferhaltung hilft höchstens kurz – zum Auskotzen. Dann muss es eh’ weitergehen. Es kommt keiner, um dich zu retten. Du kannst dich nur selbst retten (das kannst du aber auch wirklich!). Also setzen wir doch den Fokus auf die Dinge, die in unserer Macht stehen zu verändern und vergessen dabei nicht, dass der Tag 24 Stunden hat, wir schlafen und dabei Job genauso wie Care-Arbeit unterbringen müssen. Unter diesen Umständen, die vielleicht aktuell nicht veränderbar sind, gibt es Dinge, die wir dennoch beeinflussen können. Wir müssen sie nur finden.
  3. Loslassen von Konventionen und festen Überzeugungen á la „so muss das sein und nicht anders“. Verbunden mit der Frage: was brauchen meine Kinder und ich denn wirklich, damit es uns gut geht? Anstatt irgendwelchen Ideen hinterherzurennen, wie Familienleben zu sein hat. Am Ende geht es um das Gefühl: wie fühlen wir uns und wie geht es uns? Und das gute, geborgene und friedliche Gefühl darf auch unkonventionell entstehen. Dafür braucht es nicht das perfekte Heititei-Familienleben.
  4. Was sind die größten Stressoren? Und woher kommen sie?
    Geschwisterstreit – Wieso streiten sie?
    Ich schlafe schlecht – wieso?
    Mir sitzen 1000 Dinge im Nacken, die erledigt und bedacht werden wollen – was würde das erleichtern?

Dieser Nachdenk-Teil ist wichtig, weil er bestimmt maßgeblich die nächsten Punkte der SOS-Liste!

Und ab hier … erstellst du am besten deine eigene SOS-Liste. Angelehnt an die Punkte, die du unter viertens gesammelt hast, immer mit dem Fokus darauf: wo sind die Stellschräubchen, an denen du drehen kannst?

Meine SOS-Liste ist ein work-in-progress-Projekt. Ich probiere Dinge aus, erkenne an, dass Veränderung Zeit braucht, reflektiere und rekapituliere. Manche Dinge werfe ich wieder über den Haufen, andere Dinge bleiben und sind fester Bestandteil meines Alltags geworden. Alles mit dem Ziel: wie schaffen wir ein entspanntes Miteinander? Wie geht es uns allen gut und wie schaffen wir einen Ort der Fürsorge, Liebe und Geborgenheit? Das ist es, worauf es letztlich ankommt. 

Welche Erfahrungen hast du gemacht, als Allein- oder Getrennterziehende? Was ist schwer? Und was hilft? 

Wenn du Hilfe bei deiner SOS-Liste brauchst, melde dich gerne bei mir

 

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