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Ohne Selbstbewusstsein in die Selbstständigkeit

Ohne Selbstbewusstsein in die Selbstständigkeit

Kim Weber
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„Willst du denn überhaupt nicht, dass unsere Firma vorankommt? Wann machst du endlich irgendwas, wofür ich dich bezahle? Vom Rumsitzen allein ist noch keine Webseite aufgebaut worden! Was bildest du dir nur ein?“, schrie meine Chefin außer sich.

Ich stand da.

Den Kopf gesenkt.

In meinem Bauch machte sich das heiße Gefühl von Wut breit.

Es wurde immer größer und größer. Ich schluckte. Sollte ich es wirklich wagen?

 

„Was ist denn jetzt los? Siehst du nicht, wie viel Herzblut und Liebe ich in diesen Laden stecke? Mehr als 24 Stunden am Tag kann ich nicht arbeiten!“, hörte ich mich zurückschreien.

Bevor ich vor meiner Chefin anfing zu weinen und ich ihr damit noch mehr Pulver in das Kanonenrohr füllte, rannte ich raus.

Mein Bruder lief mir über den Weg. Er machte hier gerade ein Praktikum.

Vom besagten Meeting bekam er am Rande etwas mit.

Er fragte mich, ob alles okay sei. Ich schüttelte den Kopf, während ich an ihm vorbeihuschte.

„Muss ‘ne Runde um den Block.“

 

Ich stieß die Tür auf, atmete die Luft tief ein. Da flossen schon die Tränen. Die Wut. Die Traurigkeit. Die Hilflosigkeit. All das lief in Strömen meine Wangen hinunter.

Ich konnte es einfach nicht glauben.

Die letzte Woche war ich nonstop in der Agentur. Designte mir die Finger wund, schlief keinen einzigen Tag Zuhause, sondern auf dem winzigen Sofa in der Agentur. Saß täglich so lange vor dem Bildschirm, bis meine Augen anfingen zu tränen – und hörte trotzdem nicht auf.

Nein, ich will, dass unsere Kunden die geilsten Designs bekommen. Kein 08/15 Standardzeug, sondern passgenau auf sie zugeschnitten.

 

Ich denke bei Kundengesprächen mit, gebe Gedankenanstöße, was noch Sinn machen würde. Was keinen Sinn macht.

 

Und das gerade soll ihr purer Ernst gewesen sein? Während ich dauernd die Agentur übernehme, leite, führe, weil sie, meine Chefin, nicht aus den Puschen kommt und ihren Job nicht richtig macht?

 

Ich lief und lief und lief. Ich wusste einfach nicht mehr, was ich dazu sagen oder denken soll. Mein Kollege, nennen wir ihn Malte, leistete mir die Woche Unterstützung oder versuchte es zumindest.

Zusammen arbeiteten wir Tag und Nacht in der Agentur. Zwei Tage hat er durchgehalten. Dann ging er nach Hause, um sich mal wieder richtig auszuschlafen. Und ich saß weitere fünf Tage da und riss mir den Arsch auf.

Und das ist der Dank? Dass Malte in den Himmel gelobt wird und zu mir gesagt wird, dass ich faul bin und nix auf die Reihe kriege?

 

Komischerweise kam mir die Situation gar nicht so fremd vor. Dieses typische Agenturklischee, diese Sklaventreiberei: kein Urlaub, unregelmäßige Bezahlung, keine Wertschätzung. So ähnlich passierte es mir schon oft. Das hat schon in der Ausbildung als Fotomedienfachfrau angefangen und zog sich dann zum ersten Job durch. Auch da: Ich arbeitete bis zum Umfallen für wenig Geld, wurde nicht wertgeschätzt und bekam immer noch mehr Arbeit aufgedrückt.

Damals dachte ich noch, dass das normal wäre. Dass das jede Frau mit sich machen lassen muss. Schließlich braucht frau ja erst einmal viele Weiterbildungen, Zertifikate und jahrelange Berufserfahrung, bis sie den Job wechseln kann oder noch verrückter, sich selbstständig machen kann.

Diesen Glaubenssatz trug ich lange mit mir herum, bis ich merkte, dass er Blödsinn ist. Damals aber nahm ich ihn für bare Münze.

Im ersten Job reichte es mir auch irgendwann. Ich fuhr nach Hamburg. Floh aus meinem alten Leben. Durch Zufall stieß ich auf eine Privatschule, bewarb mich und machte dann ein zweijähriges Studium im Screendesign. Ich liebte es. Das war genau mein Ding. Ich schloss es als beste Designerin des Jahrgangs ab. Danach zog es mich doch wieder nach Berlin. Und landete natürlich wieder in Agenturen. Mit den alten Problemen wie vor Hamburg. Bis zu dem Tag, als ich tränenüberströmt um den Block lief.

Ich wusste, dass ich irgendetwas ändern musste. Dass es nicht mehr so weitergehen kann. Ich mich nicht ewig so fertig machen lassen. Doch es dauerte noch vier weitere Wochen mit dummen Sprüchen, Nicht-Wertschätzung und Ignoranz, bis ich die Handbremse zog. Ich ging zum Arzt und lies mich krankschreiben. Ich konnte nicht mehr. Zuhause fiel ich in ein richtiges Loch.

Von meinen damaligen Chefs bekam ich Sprüche gedrückt, die weit unter die Gürtellinie gingen, sie lauerten vor meiner Tür, um mich zu beobachten, ob ich wirklich krank bin, bombardierten mit mich Telefonanrufen. Ich traute mich gar nicht mehr aus dem Haus. Beim bloßen Gedanken daran lief mir schon der kalte Schweiß die Stirn herunter. Ich geriet in den Teufelskreis aus Depression und Panikattacken.

 

Mein Selbstbewusstsein? Keins vorhanden.

Immer wieder fragte ich mich, wie das nun weitergehen soll. Zurückkehren? Als Verkäuferin arbeiten? Oder mich selbstständig machen?

Nach einiger Zeit fing ich an, mich selbst wieder zu finden und mein Selbstbewusstsein Stück für Stück aufzubauen. Ich sagte mir: „Entweder du machst dich jetzt komplett selbstständig ohne Lackaffen als Chef und wirst deine eigene Chefin und erfolgreich, auch wenn du kein Eigenkapital hast. Oder du gehst zurück in den Verkauf und machst deinen 0815-Job und meckerst nicht mehr.“ Ich erkannte nämlich, dass es in mir brodelte. Dass ich das Zeug dazu hatte, Mitarbeiter zu leiten, den kühlen Kopf in stressigen Situationen zu bewahren und den Überblick nie zu verlieren. Da hatte es sich doch ausgezahlt, dass ich die Agentur so oft übernehmen musste. Oft dachte ich, dass ich das allein kann, was sie zu dritt irgendwie schafften. Aber ob ich das wirklich kann? Ich, die Kimi von nebenan? Die Entscheidung war dennoch schnell gefällt. Ich wollte und konnte nicht mehr zurück und mein Selbstbewusstsein wieder zunichtemachen lassen.

 

Ich war voller Tatendrang, bis die Zweifel anfingen. Schließlich hatte ich keine großen Ersparnisse. Die Miete musste gezahlt werden. Das Essen. Strom. Gas. Alles.

Zum Glück hatte ich einen starken Rückhalt von meiner Familie. Sie gaben mir den Mut, das wirklich durchzuziehen.

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Ich lebte zwar jetzt meinen Traum von der Selbstständigkeit und musste mich nicht mehr einem Chef unterordnen. Doch ich hatte keine Kunden. Es wusste ja niemand, dass ich jetzt selbstständig bin und was ich anzubieten hatte. Ich erarbeitete ein Konzept und fing an, mich in Social Media sichtbar zu machen.

Facebook. Instagram.

Dem allen widmete ich täglich viele, viele Stunden. Erst nur mit Grafiken und Texten. Mein Selbstbewusstsein war immer noch nicht groß genug, um mich vor der Kamera zu zeigen.

Die Grafiken und Bilder allein funktionierten nicht besonders. Irgendwas musste ich ändern. Ich brauchte schließlich Kunden. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, nahm mein Handy in die Hand und hielt es vor mein Gesicht. Ich nahm unzählige Versionen auf, bis ich mit Herzklopfen endlich auf absenden tippte und meine erste Instagram-Story hochlud. Ich zwang mich jeden Tag dazu, darin eine Routine zu entwickeln und regelmäßig meine Persönlichkeit zu zeigen. Und es funktionierte.

 

Ich fühlte mich immer wohler und erkannte, warum die Grafiken nicht funktionierten: Sie spiegelten einfach meine Persönlichkeit nicht wider.

 

Langsam baute sich eine Community auf. Ich zeigte mein Können, indem ich Livestreams machte, während ich Designs entwarf. Ich nahm meine Community  im Alltag mit. Immer häufiger bekam ich die Rückmeldung, dass ich der Anstoß für andere Menschen war, auch endlich mit Social Media anzufangen, Storys zu machen, Livestreams zu machen.

Einfach die Persönlichkeit rüberzubringen und sich nicht mehr zu verstecken. Ich merkte, wie ich meine Follower und Kunden mit meinem Feuer anstecke. Das trägt mittlerweile Früchte.

 

Innerhalb von nur 14 Monaten entwickelte ich mich zu einer der bekanntesten Designerinnen in ganz Deutschland. Ich zähle Berühmtheiten zu meinen Kunden und konnte mir ein großes Netzwerk aus Experten aufbauen, die mich und meine Arbeit unterstützen und bereichern und ich ihres bereichern darf. Ich konnte meinen ersten Mitarbeiter einstellen und kann ihn so führen und ihm so eine Chefin sein, die ich mir damals als Angestellte so gewünscht habe.

Es geht einfach darum, dass du dich selbst findest und dir treu bleibst. Dann öffnen sich die Türen, die du für deinen Weg brauchst. Zeige deine Fehler auf dem Weg in die Sichtbarkeit, nimm deine Tiefs als Freund an.

Das kann ich dir jetzt im Nachhinein raten, denn dieser Weg, mein Weg, war keine gerade Strecke. Es waren tiefe Tiefs und haushohe Höhen. Doch am Ende zählt nur eins: Wir können nur gewinnen. Entweder Erfahrung oder Erfolg. Also geh raus, mach dich sichtbar, teile deine Arbeit, deine Menschlichkeit und dann läuft es.

Hast du auch eine Story, die es wert ist erzählt zu werden? 

Hast du etwas richtig tolles erlebt, etwas was außerhalb deiner Komfortzone lag und das nicht 0815 Status Quo war? Willst du damit mal so richtig auf den Tisch hauen und allen Menschen zeigen, was eine Powerfrau in dir steckt?

Und vor allem andere Frauen damit inspirieren?

Oder aber du hast eine schwere Zeit durchlebt, hast alles überstanden und stehst jetzt mit erhobenem Kopf da. Willst du anderen Frauen zeigen, dass alles möglich ist, egal wie ausweglos eine Situation erscheinen mag?

Wir glauben: 

Every Woman has a Story. 

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